Liebe und andere Lebensspuren

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Wecker sang Lieder und rezitierte Lyrik.

Konstantin Wecker hat sein Publikum gewarnt. „Wenn einer drei Stunden über die Liebe singt, dann besteht schon Sülzgefahr“, scherzt der Liedermacher in Frankfurts Alter Oper zu Beginn seines neuen Programms „Stürmische Zeiten, mein Schatz“. Von Maren Cornils

Doch Wecker wäre nicht Wecker, hätten sich unter die Liebeslieder aus 40 Jahren Karriere keine Spott- und Politsongs geschlichen. Des Protestes müde ist der Münchner mit 62 Jahren nicht geworden. Schon in den ersten Minuten präsentiert sich der Sänger mit anzüglichen Gedichtzeilen zum Thema Wollust. So wird neben Mozart, Brecht und Walser ein Schlegel-Reim zitiert, der prüden Zeitgenossen die Schamesröte ins Gesicht treiben dürfte. Grund für diesen provokanten Einstieg: Gerade ist bei Piper ein von Wecker herausgegebener Band Liebeslyrik erschienen.

Dabei ist die Wollust, die Wecker in Songs wie „Ich liebe diese Hure“ oder „Lauscher hinterm Baum“ schildert, für ihn nur eine Facette. Auch der Liebe zur Heimat, zum Vaterland, zur Familie und zum Leben widmet er sich. Dass sich in Zeilen wie „Ich singe für alle, die sich nicht zügeln lassen wollen“ Lebensbekenntnis und autobiografische Anspielungen finden – dafür liebt sein Publikum den bekennenden Genussmenschen und kantigen Querulanten.

Quartett mit Geigen und Violoncelli

Schon nach den ersten Takten tobt der Saal, wird mitgeklatscht und -geswingt. Das ist auch ein Verdienst des Spring String Quartetts, das Geigen und Violoncelli erstaunlich fragile Töne entlockt, aber auch die Rocker-Hymne „Smoke On The Water“ in atemberaubendem Tempo adaptiert. Eine würdige Begleitung für Wecker, der sich bei Jazz, Blues und Soul bedient, selbstvergessen auf dem Klavier klimpert oder kraftvoll jammt, am Piano vom langjährigen Weggefährten Jo Barnickel begleitet.

„Was ich an dir mag“, „Genug ist genug“, „San koane Giegn da?“ oder „Bleib nicht liegen“: Wecker erweckt bekannte Lieder zu neuem Leben, gräbt Juwelen aus seiner Anfangszeit aus, um sie neu zu interpretieren, singt seine großen Hits. Dazwischen philosophiert er über die Liebe, rezitiert Goethe und andere, legt eine Art Lebensbeichte ab („Meine sadopoetischen Gesänge strotzten damals ja nur so vor Angst vor den Frauen“), bekennt sich dazu, gern über die Stränge zu schlagen, und gesteht, in seinen Werken immer ein Stück eigene Geschichte und eigenes Scheitern zu verarbeiten.

Mal präsentiert sich das Urgestein der Liedermacher besinnlich, fast melancholisch wie in „Der alte Kaiser“. Mal kraftvoll wie in „Heit schaun die Madln wia Äpfel aus“. Immer aber als begnadeter Erzähler mit Faible für hintersinnige, mitunter gar explosive Worte. Spöttisch und mitreißend, aufbrausend und gefühlvoll – ein von der Musik, dem Rhythmus, der Liebe und dem Leben Besessener!

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