Liebe ist nur eine Bühnenshow

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U2 sind auch 2009 noch so frisch wie vor 25 Jahren.

Wenig romantisch ist der Blick von U2 auf das große menschliche Gefühl. Zu hören ist dieser Abgesang auf dem neuen Album „No Line On The Horizon“ der irischen Band um Sänger Bono. Von Holger Strehl

Fünf lange Jahre muss ein U2-Fan mittlerweile ausharren, bis die irische Band ein neues Werk vorlegt. doch das Warten lohnt sich ein jedes Mal aufs Neue.

„No Line On The Horizon“ lautet der Titel des neuen Albums von Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. Bereits im vergangenen Sommer waren die Aufnahmen so gut wie abgeschlossen, bevor sich die Rockdinosaurier dazu entschieden, ihre Kompositionen in Fez (Marokko), New York und London erneut zu überarbeiten. Diese neue Drangphase zog sich bis zum Jahresende. Als Produzenten wählten sie Brian Eno und Danny Lanois, mit denen sie bereits seit Jahren zusammenarbeiten. Fürs Artwork holten die Iren Anton Corbijn mit seinem brillanten fotografischen Auge an Bord. Für das Cover fiel die Wahl auf ein Bild des japanischen Künstlers Hiroshi Sugimoto, das den Bodensee bei Uttwil/Schweiz zeigt.

Die Herangehensweise verrät, das die Musiker keineswegs auf einen Überraschungseffekt setzen, sondern auf ihre Erfahrung und ihr großes Talent, bleibende Songs zu schreiben. Zu Recht: „No Line On The Horizon“ birgt elf gleichwertige Audioperlen. U2 hat eine musikalische Qualität erreicht, in der jeder Song berührt. Die Texte sind so beständig ehrlich und tief aus dem Leben gegriffen, dass Bonos lyrisch formulierte Sicht auf die Welt direkt unter die Haut gehen. „No Line On The Horizon“ hat nicht den wegweisenden Charakter von „The Joshua Tree“ oder „Achtung Baby“, aber zweifelsohne gehört der Longplayer in die Top 5 der bisherigen zwölf U2-Veröffentlichungen. Und es ist damit ein früher Anwärter für das Album des Jahres 2009.

New Album: "No Line On The Horizon"

Wie schon bei „Vertigo“ vor fünf Jahren ist der vorab gewährte Einblick das wildeste Stück des gesamten Albums. Die neue Platte ist nicht so rockiglastig wie die Single „Get On Your Boots“, die das Album vor ein paar Wochen ankündigte. Bono und seine Mannen bauten erkennbar viele Blueselemente ein. Unüberhörbar schwingt The Edge bei allen Stücken das Zepter. Seine Gitarre dominiert die meisten Songs - und das tut „No Line On The Horizon“ gut, sehr gut sogar. Bono erzeugt eine durchweg beständige Vertrautheit, die einen Wiedersehen mit einem alten Freund gleicht. Allerdings kommt Mr. Bono Vox bei kaum einem Song ohne die typischen „Oh-oh-ohs“ und „Ooooh-hooos“ aus, die sich perfekt an die hinreißenden Refrains schmiegen.

Den stärksten Song des Albums hat U2 mit „Get On Your Boots“ bereits im Vorfeld verbraten, dennoch bleiben genügend weitere entdeckenswerte Kompositionen übrig, die den Fan erfreuen und den Kritiker überzeugen werden. Die Ballade „White As Snow“ kann sich mit den ganz großen U2-Songs messen, und „Magnificent“ zeigt sich als weitere Singleauskopplung jetzt schon hitverdächtig.

Mit „Stand Up Comedy“ besingt Bono die Liebe als das einzig erstrebenswerte Gut in einer traurigen Welt. Das menschliche Gefühlschaos gleicht zwar auch nur einer mehr oder weniger witzigen Bühnenshow, jedoch ist es das geringste Übel, dem man sich hingeben kann. Auch mit „I´ll Go Crazy If I Don´t Go Crazy Tonight“ ist dem Frontmann mit dem einstigen Messias-Image ein weiterer Lobgesang auf das stärkste menschliche Gefühl gelungen. Den politischen Aktivisten kann und will er vermutlich trotzdem nicht abstreifen - auch das ist gut so. „Cedars Of Lebanon“ appelliert als letztes Kapitel von „No Line On The Horizon“ noch einmal ans Gewissen jedes Einzelnen, seinen Beitrag zum Frieden zu leisten.

U2 wäre aber nicht U2, wenn sich die Band damit begnügte, lediglich ein neues Album vorzulegen. Anton Corbijn erschuf gemeinsam mit Bono einen Stummfilm, dem die Stücke des Albums zur Untermalung dienen. Dieses sehenswerte Machwerk mit Corbijn-typischer Bildästhetik findet sich als DVD in diversen Zusatzeditionen. Der Griff zur Ausführung mit Filmvariante lohnt sich definitiv.

U2 im Web:

http://www.u2.com

http://www.u2-tour.de

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