Liebe und Wahnsinn

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Andrea Marcon ist Dirigent und Cembalist zugleich.

Im 18. Jahrhundert hat man ihn wie einen Popstar gefeiert. Der Geiger-Genius Antonio Vivaldi (1678-1741) brachte mit seinen Instrumentalkonzerten nicht nur die italienische Seele in Schwingungen, sondern auch die Musikgeschichte ein gehöriges Stück weiter. Von Klaus Ackermann

Mit dem Venezianer auf du und du ist sein Landsmann Andrea Marcon, international geschätzter Spezialist für Alte Musik und wieder einmal am Dirigierpult der Oper Frankfurt. Mit Vivaldis „Orlando Furioso“ (Der rasende Roland), den Essens Schauspiel-Regisseur David Bösch in Szene setzt, in der Titelrolle die italienische Mezzosopranistin Sonia Prina. Frankfurter Erstaufführung ist am Sonntag um 18 Uhr.

Eine wilde Geschichte um Liebesirrungen und -wirrungen, um Verführung und Wahnsinn, die Vivaldis Zeitgenossen geläufig war. Zählte doch das gleichnamige Epos von Ludovico Ariosto seit 200 Jahren zum italienischen Literaturgut. Auch Georg Friedrich Händel habe in „Alcina“ den Stoff genutzt, mit entschieden mehr dramaturgischer Tiefe, sagt Marcon, Dirigent, Organist, Cembalist und Musikwissenschaftler. Alcina, die Liebende auf ihre verwunschene Insel lockt, mutiert beim Venezianer zur Nymphomanin. Denn Vivaldi habe die Geschichte bewusst leicht geschürzt und auf ironische Distanz gebracht, sehr zum Ergötzen seiner Zeitgenossen.

„Nicht zu ernst und immer mit einem Lächeln“, kommentiert Marcon, der aus Treviso (Venetien) stammt. Da gebe es wunderbar gefühlvolle Arien, virtuose und emotionale Koloraturen, den vor Eifersucht in Wahnsinn verfallenden Orlando als Bösewicht – alles gleichsam mit Augenzwinkern serviert. Auch von Bösch, dessen Inszenierung Marcon eine „ideale Balance zwischen Amüsement und Leidenschaft, ironischen und melancholischen Momenten“ bescheinigt. Der Dirigent hat eine behutsam gestraffte Fassung dieses Dramma per musica erstellt, manche Da-Capo-Arie eben nicht wiederholend, eine vom Komponisten ausdrücklich erlaubte Praxis. Marcon hat auch Arien neu instrumentiert, angereichert mit feingliedriger Blockflöten-Garnitur und einer Original-Kadenz von Vivaldi.

Natürlich lässt der Spezialist für historischen Klang seine Streicher auf Darmsaiten spielen – und zollt den Mitgliedern des Museumorchesters ein dickes Lob. Er kenne kein Opernorchester, das so offen sei für die historische Praxis und diese so ideal umsetze. Kein Wunder, hat Marcon doch hier schon etliche Barockopern dirigiert, der in Vivaldi den großen Gegenpol zum deutschen Johann Sebastian Bach sieht. Dessen Musik stehe auf festen Säulen, sei vertikal ausgerichtet, Vivaldis dagegen horizontal, auf klangliche Weite bedacht, auf Melos und eine Virtuosität, die an Grenzen der Spielbarkeit gehe. Schließlich stamme die Konzert-Idee von dem Italiener, auch als Erfinder der Kadenz berühmt.

Für die historische Klangforschung sieht Musikwissenschaftler Marcon noch kein Ende der Fahnenstange. Weniger bei den Streichern als bei den Holz- und Blechbläsern gebe es Bedarf. Der Belgier Jos van Immerseel sei sogar schon bei Debussy und Ravel auf historischer Klangspur. Auch bei Mozarts Opernrezitativen gebe es noch viel zu tun, sagt der dirigierende Globetrotter, der sein Heimweh manchmal mit einem Glas guten italienischen Weins bekämpft. Aus dem Trento muss er sein – am liebsten ein Ritratto bianco der Cantina La-Vis.

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