Mit Liszts Dante-Sinfonie im Paradies

Wiesbaden - Die russisch-französische Liaison konnte kaum reizvoller sein. Mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur gastierte Dennis Kozhukhin im Friedrich-von-Thiersch-Saal. Von Klaus Ackermann

Begleitet vom Sinfonieorchester „Les Siècles“, das gleichermaßen auf historischen wie auf modernen Instrumenten die Jahrhunderte durcheilt und erstmals auch das Rheingau Musik Festival beflügelt. Zumal neben dem Klassiker noch der Jubilar Franz Liszt zu originellem Ton kam, dessen Sinfonie zu Dantes „Divina Commedia“ nach höllischem Inferno in paradiesische Sphären eintaucht.

Schon die Eingangsakkorde kommen majestätisch daher und geben einem jungen Pianisten Sicherheit, der Beethovens kraftvolle Gewissheit im Es-Dur-Konzert sich zu eigen macht. Dagegen tönen die lyrischen Passagen auf dem Yamaha-Flügel eher milde, und in den Begleit-Girlanden scheppert es auch mal unerwartet. Den Eindruck verwischt alsbald ein innig ausgesungenes Adagio-Lied, von schwebenden Streicher-Akkorden in Vibrato-freier Zone gestützt, die erwärmen. Weil Dirigent und Orchestergründer Francois-Xavier Roth die historische Klangforschung exemplarisch vorführt, was nicht immer inspirierend wirkt.

Hochspannung vorlagegemäß beim Übergang zum robusten Rondo, dessen impulsiv-tänzerischer Rhythmus beim jungen Russen zündet, technisch gut in Form und stilistisch unbeirrbar. Romantisch empfindsam die Zugabe, eine Bearbeitung des Bach’schen h-Moll-Präludiums vom Liszt-Schüler und Rachmaninow-Cousin Alexander Silotti. Nach Pianier-Pflicht und Kür kassiert Kozhukhin verdientermaßen noch eine Extragage. Wird ihm doch an diesem Abend der mit 15 000 Euro dotierte Lotto-Förderpreis des Rheingau Musik Festivals verliehen.

Kaum glaublich, dass Franz Liszt, Miterfinder der sinfonischen Dichtung, seine Dante-Sinfonie schon 1848 geschrieben hat. Denn die höllische orchestrale Schlacht mit all den für dissonante Schärfe tauglichen Mitteln wie Tritonus oder verminderter Septakkord nimmt die Musik des 20. Jahrhunderts prophetisch vorweg. Hölzerne Härte ist das Gebot der „Siècles“-Sinfoniker, die auch – „historisch“ eingestimmt – per Harfen-Glissandi schmückendes klangliches Lametta erträglich machen. Wagners chromatischer Wellengang, verendende Choralzeilen, schauriger Blechbläser-Effekt – paradiesisch wird’s erst im beschließenden Magnificat, mit dem Knabenchor Maitrise de Caen auf der Seitenempore. Engelsstimmen, obwohl gottlob nicht in Engelswatte verpackt.

Sympathisch, wie „Les Siècles“ als Zugabe Ursachenforschung bei Liszt betreibt: „Isoldes Liebestod“ aus Wagners „Tristan“ klingt so asketisch wie selten. Den liebten schon die Zwölftöner.

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