Live besser als auf CD

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Ganz schön flott für fast 70 Lenze: Tom Jones hat den Armani-Anzug durch schwarzen Glanz ersetzt.

Wer Tom Jones jüngstes Album „24 Hours“ nicht kennt, sollte es dabei belassen. Zwar scheint der Einfall, sich angesichts der Erfolge von Amy Winehouse, Duffy & Co. auf die seine Wurzeln im R‘n‘B zu besinnen, plausibel. Von Stefan Michalzik

Immerhin hat Jones nicht nur amüsante Schlager wie „Delilah“ gesungen, sondern sich Klassiker wie „Resurrection Shuffle“ mitreißend anverwandelt. Sammlerstücke wie „Live In Las Vegas“ und „Live At Caesar‘s Place“ mit ihrem prallen Orchestersound künden davon. Doch den Machern von „24 Hours“ stünde ein Grammy für die seelenloseste Produktion des Jahres zu. Es klingt, als hätte jemand ein Rhythmusgerät angeworfen. Da hilft es nichts, dass Jones erstmals einen Teil der Songs geschrieben hat.

Wer die Liveshow, mit der Tom Jones in der Frankfurter Alten Oper gastierte, nicht gesehen hat, hat dagegen etwas verpasst. Freilich: Die alten Las-Vegas-Shows bleiben unerreicht. So gut in Form wie im Moment aber präsentierte sich Jones lange nicht. Er vermittelt das Gefühl, dass er nochmal durchstarten will mit fast 70 Jahren. Die Band ist bestens bei der Sache, und Jones bildet eine Einheit mit ihr. Die Songauswahl ist effektsicher, Durchhänger bleiben aus. Jones, im schwarzen Glanzanzug mit Goldketten, scheint nach Jahren schnöder Armani-Langeweile zu altem Stilbewusstsein zurückgefunden zu haben.

Seine Hits aus den 60er Jahren streut er nur sehr dosiert ein

Er ist ein Großmeister des Geschmacks. In den 60er Jahren, als die Beatles und die Rolling Stones die Popmusik neu definierten, trat Jones mit dem Modell des Entertainers an, das gerade überrollt worden war. Mitte der 70er verschwand er in der Versenkung, überwinterte mit einer Reihe hölzerner Country-Alben. Zehn Jahre später gruben die Elektropopper The Art of Noise das Fossil aus und landeten mit ihm den Hit „Kiss“. Nach diesem Muster sollte es weitergehen: Jahrelang fehlambitioniertes Zeug, bis wieder ein Produzent den nächsten Radiokracher maßschneiderte, zuletzt Mousse T. mit „Sex Bomb“.

Das ist schon wieder zehn Jahre her. Seitdem dümpelt die Plattenkarriere vor sich hin. Immerhin funktionieren im Konzert die Novitäten von „24 Hours“, von denen Jones zunächst eine ganze Menge spielt, derart gut, dass man ihm fast raten möchte, das ganze Album noch einmal live einzuspielen. Seine Hits aus den 60er Jahren streut er nur sehr dosiert ein. Die zweite Karriere gibt genügend Stoff her.

Am Altern der Stimme kommt der Gesangsweltmeister nicht vorbei. Die Intonation ist unvermindert von schier traumhafter Präzision gekennzeichnet. Jones vermag noch immer viel von seiner magischen Vokalgewalt zu entfalten, von jenem Dauerdruck, der ihn von der Lässigkeit Frank Sinatras abhob. Freilich ist die Stimme nicht mehr im gleichen Maß belastbar. Da gilt es, sich kunstvoll durchzumogeln, manches nicht voll auszusingen, um danach wieder wirkungsvoll aufzutrumpfen. Ein seriöses Verfahren des Kaschierens. Auch da ist er perfekt.

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