Immer voll auf die Eins

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Großartige Schundmusik: Die Spaßkapelle LMFAO steht nicht für musikalische Feinbäckerei, sondern lässt es krachen.

Offenbach - Um das Recht zur Party, dessen Durchsetzung die Altvorderen um den kürzlich verstorbenen Adam „MCA“ Yauch und die Beastie Boys noch propagierten, braucht scheinbar niemand zu kämpfen. Von Stefan Michalzik

Es gilt allgemein, und so entfachen LMFAO eine ungestüme Feier des Hedonismus – derweil das vermeintliche Rebellentum freilich auch schon bei den Beastie Boys eine reine Attitüde gewesen ist.

Der schweifende Blick über das Publikum beim Konzert in der Offenbacher Stadthalle lässt darauf schließen, dass man mit dreißig wohl schon fast zu alt und mit zehn keineswegs zu jung für LMFAO ist. Spätestens ab vierzig ist man in der Anhängerschar des aus dem kalifornischen Los Angeles stammenden HipHop-Duos ein Alien oder ein begleitendes Elternteil – was auf’s Gleiche rauskommt.

Etliche Zuschauer warten nach dem Vorbild ihrer Stars mit knallbunten Riesenbrillen und Kostümierungen oder Perücken mit bis zu Turmhöhe aufgebauschten Frisuren auf. Zusätzlich haben Helfer vor Konzertbeginn das Publikum mit bunten Leuchtstäben präpariert. Ähnlich wie bei Deichkind herrscht ganzjährig Karneval: Der Produzent Stefan Kendal Gordy und der Rapper Sky Blu – der eine ist ein Sohn und der andere ein Enkel von Berry Gordy, dem Gründer des legendären Soullabels Motown, untereinander sind die beiden Onkel und Neffe – bilden den Kern einer Showtruppe mit kleinem Ballett, dem Tour-Laptop-DJ Dainjazone und einer Band. Konfettikanonen, aufblasbare Flora und Fauna sowie eine fortlaufende Animationsgrafik tun das Ihre zum Prinzip Musikvideo in real.

Bilder vom Konzert

LMFAO: Party Rock in der Stadthalle

Natürlich sind auch HipHop und Techno, die letzten weichenstellenden Innovationen der Popmusik, längst in der Endlosschleife angekommen. Aus der Musik von LMFAO sind Bezüge noch und nöcher herauszuhören.

„Sorry for Party Rocking“, den programmatischen Titelsong ihres im Sommer vergangenen Jahres veröffentlichten zweiten Albums, spielten LMFAO gleich zu Anfang. „Party Rock“ hieß im Übrigen das Debütalbum, entsprechend monothematisch geht es praktisch den ganzen Abend über zu.

Der Sound setzt auf Härte und Bässe, er wirkt schroff und geschmeidig in einem. Es hüpfen viele pophistorische Splitter hindurch. Wenn das „Sexy Girl“ beschworen wird, klingt das wie eine verschärfte Version von Prince im Sinne von Heavyfunk. „Miami Bitch“ ist runderneuerter Dancehallreggae. Der Gitarrist legt gegen Ende des Konzerts ein Metal-Solo hin, dass der Keyboarder, der sich sein Instrument nach Art der achtziger Jahre umgehängt hat, mit einem Daft-Punk-artigen Gedaddel kontert. Amüsant. Bisweilen wird Sky Blus Stimme durch einen Vocoder geschickt, was auch eine historisierte Technik ist.

Publikumswirksam ist diese großartige Schundmusik gewiss. Minder schmeichelhafte Vergleiche mit den Atzen haben sich LMFAO bei der deutschen Kritik eingefangen. Ist schon was dran. Diese Spaßkapelle ist keine musikalische Feinbäckerei, aber auch keine schnöde Discounter-Brotfabrik. Formwille und Kommerz gehen eine lustvolle Affäre miteinander ein. Man darf spekulieren, ob sich LMFAO in einigen Jahrzehnten Adam „MCA“ Yauch gleich von dem Schweinkram ihres Frühwerks distanzieren werden. Und ob sie sich wie die Beastie Boys musikalisch weiterentwickeln werden. Oder ob sie immer weiter voll auf die eins dreschen.

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