Luftgitarre und geballte Fäuste

Purer Rock’n’Roll: Für einen 53-Jährigen gebärdet sich Gitarrist Angus Young noch immer ziemlich pubertär.Foto: Bernd Georg

Unter tosendem Krachen bricht eine riesige Dampflok aus dem dunklen Bühnenhintergrund und schleudert fünf Musiker in ein Meer aus rot blinkenden Teufelshörnern. Es sind die ersten Sekunden des Auftritts von AC/DC, die mit einem fulminanten, knapp zweistündigen Gastspiel die Frankfurter Festhalle zum Kochen bringen.

Es ist ein Fest der Generationen, junge Fans in den 20ern treffen auf ergraute Rocker, die ihre alte, speckige Fransenlederjacke für den Abend aus dem Fundus gekramt haben. Statt Kaffee und Kuchen gibt’s Rock‘n‘Roll in seiner ursprünglichsten Form – drei Gitarren, Schlagzeug und Gesang – hart, dreckig, kompromisslos.

Dabei ist alles schon mal da gewesen in der Show der australischen Hardrocker, aber das Vorhersehbare macht die Stimmung. Ein Stichwort von Sänger Brian Johnson oder der Ansatz eines Riffs von Angus Young genügen, um die Halle zum Toben zu bringen. Es hat etwas von einem Ritual was die Fünf mit den Massen zelebrieren, und wer’s noch nicht kennt, lernt schnell, denn die wichtigsten Bestandteile sind die geballten Fäuste, die den Musikern entgegen fliegen und Luftgitarren-Einlagen, die mit zunehmenden Bierkonsum hemmungsloser werden.

Die einstige Mähne schütter, aber voller Energie jagt Young in seiner Schuluniform über die Bühne und gibt von Song zu Song mehr Gas. Bei „The Jack“ ist der Striptease obligatorisch, doch das von Young früher demonstrativ zur Schau gestellte blanke Hinterteil bleibt mittlerweile züchtig in einer Unterhose verborgen. Fortan spielt er mit freiem Oberkörper, Fettpolster sucht man vergebens. Im legendären „Duckwalk“ hüpft er über die Bühne und überlässt Sänger Johnson weitgehend das Feld auf der meterlangen Rampe, die in die Halle hineinragt.

Dessen kratzige Stimme ist trotz jahrzehntelanger harter Einsätze immer noch gut in Schuss, auch wenn sie manchmal in Youngs Gitarrenspiel unterzugehen droht. Und auch der 61-jährige Mann mit der Schiebermütze pflegt seine Rituale, sucht den Kontakt zum Publikum und baumelt bei „Hells Bells“ am Seil einer überdimensionalen Glocke. Bei „Rosie“ ist auch eine überdimensionale aufblasbare Puppe wieder dabei, die auf der Dampflok reitet, die Brüste größer als ihr Kopf, in Mieder und roten Strapsen gekleidet, den riesigen Fuß zum Takt bewegend.

Im Mittelpunkt steht immer wieder Gitarrist Young. „Let There Be Rock“ wird zu einer einzigen Angus-Show, ein knapp 15-minütiges Solo zeigt die Klasse dieses Ausnahmegitarristen. Young wirft sich auf den Boden, Riffs und Licks werden immer rasanter, ab und an hält er inne, schaut mit irrem, an Klaus Kinski erinnernden Blick ins Publikum: „Wollt ihr mehr?“, scheint er zu fragen, und alle wollen mehr, und er gibt ihnen, was sie an diesem Abend brauchen – puren Rock‘n‘Roll.

OLIVER SIGNUS

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