Anne-Sophie Mutter zum Zweiten beim Rheingau-Festival

Lust auf Beethoven

Anne-Sophie Mutter wirkte als Interpretin mutiger, auch subjektiver beim zweiten Abend ihres Gastspiels im Wiesbadener Kurhaus. Hatte die Geigerin tags zuvor Felix Mendelssohns Violinkonzert e-Moll op. 64 noch vorwiegend klangschön, elegant, aber auch eher distanziert gestaltet, so erschien ihr Spiel am Folgeabend frischer, war außerdem geprägt von der Lust auf expressive Momente. Auf dem Programm stand beim Rheingau Musik Festival Ludwig van Beethovens Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61.

An den ersten Paukenschlägen der Orchester-Einleitung kann man idealerweise ablesen, wie sich eine Aufführung von Beethovens Violinkonzert entwickelt, heroisch-dramatisch oder mehr lyrisch, episch. Paavo Järvi und das hr-Sinfonieorchester wirkten noch unentschieden, erst Anne-Sophie Mutter brachte Klarheit: Den Kopfsatz entfaltete sie tatsächlich eher breit, analytisch, aber trotzdem packend und, gerade in ihrer Solo-Kadenz, kantig sowie mit oft angerautem Ton. Auf ihr fast gläsernes, reines Spiel im langsamen Satz stellte sich schließlich auch das hr-Orchester perfekt ein.

Sympathisch, dass Paavo Järvi am zweiten Abend die Gelegenheit eines wiederum schnell ausverkauften Konzerts nutzte, um auf ein annähernd nie aufgeführtes Werk aufmerksam zu machen: die 1892 entstandene Sinfonie Nr. 1 g-Moll op. 7 des seinerzeit 27 Jahre alten Carl Nielsen stand nach der Pause auf dem Programm.

Kennt man die fünf späteren, formal und harmonisch kühneren Sinfonien des dänischen Komponisten, so wirkt dieses Werk noch verhältnismäßig formstreng, auch konventionell. Ihren Reiz entfaltete die gut halbstündige Sinfonie dank permanentem Changieren zwischen Dur und Moll, der gerade im langsamen zweiten Satz beträchtlichen musikalischen Tiefe gleichwohl – auch wegen der höchst sorgfältigen Gestaltung des hr-Sinfonieorchesters, an beiden Abenden weit mehr als nur Begleiterscheinung von Anne-Sophie Mutter. AXEL ZIBULSKI

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