Lustvolles Spiel der Extreme

Frankfurt - Benjamins frostklirrendes Winterbild und die ebenfalls Dissonanzen nicht verschmähenden Don Quixote-Variationen von Richard Strauss: Da wirkte die „Große C-Dur-Sinfonie“ des Romantikers Franz Schubert final wie eine Beruhigungspille. Von Klaus Ackermann

Warmherzig und versiert musiziert vom hr-Sinfonieorchester, das sich zum Saison-„Auftakt“ in Frankfurts Alter Oper unter der Leitung von Paavo Järvi in Bestform präsentierte.

Das Komponisten-Porträt der „Auftakt“-Reihe gilt dem Briten George Benjamin, dessen „A Mind of Winter“ für Sopran und Orchester von 1981 fußt auf dem Gedicht „The Snow Man“ des Amerikaners Wallace Stevens (1879-1955). Ein dichtes Geflecht an Kleinstmotiven, von einer Kammerorchester-Besetzung erkundet und durchdrungen vom fahlen, dunkel timbrierten Sopran Yeree Suhs. Schuberts „Leierkastenmann“ aus dem Zyklus „Winterreise“ scheint mit modernen Mitteln fortgeschrieben.

Am Rande der Karikatur

Reizt das Orchester zunächst modernistische Klanghärten aus, so bewegt es sich mit seinem unaufgeregt dirigierenden Chef beim „Don Quixote“ lustvoll am Rande der Karikatur. Gut und gern ein Violoncello-Konzert bewältigt Vorspieler Laszlo Fenyo, ausdrucksstark und virtuose Klippen sicher umschiffend. Wie Bratschist Mate Szucs als Don Quixote-Diener Sancho Pansa, der derb und heftig gegen die Realitätsferne seines Meisters ficht, und dabei ebenfalls ein Konzertpensum absolviert.

Strauss hat gleichermaßen den Ritterroman wie auch klassisches Pathos und klangsperrige Moderne aufs Korn genommen. Für die hr-Sinfoniker ein gefundenes Fressen, die sich an zartem Melos ebenso ironisch delektieren wie am donnernden Blech, in allen Sektionen ungemein geschmeidig. Höhepunkt ist der „Ritt durch die Luft“ mit Flatterzungenläufe der Flöten, rauschenden Harfenglissandi und einer veritablen Windmaschine. Nach so viel Wahn bringt Schuberts Sinfonie C-Dur schier himmlischen Gesang. Von Järvi in feiner Balance der einzelnen Orchestergruppen gehalten und so akribisch dynamisiert, dass selbst die dritte Wiederholung eines Satzabschnitts noch Geheimnisse birgt. Mit einem Andante con moto, dessen Legato-Gesang nahezu pausenlos in den Bläser-Ohrwurm des Scherzi übergeht.

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Albrecht E. Arnold

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