Maestro poliert Lieblingsstück

Beethoven ist sein Lebenselixier. Er verleiht dem Altmeister der Dirigierkunst am Pult eine unerhörte Spannkraft bis in die Fingerspitzen hinein. Natürlich folgt das Orchestre National de France den Handzeichen seines Ehrendirigenten Kurt Masur aufs Wort. So wirken die Beethoven-Sinfonien wie ein Vermächtnis – Nummer eins bis fünf folgten am Montag die Sechste und Siebte in der Alten Oper Frankfurt.

Schon weil es der auch politisch zu Zeiten deutscher Wiedervereinigung wie ein Fels in der Brandung stehende Maestro immer verstanden hat, dem spezifischen Klang eines Sinfonieorchesters seinen ureigenen Stempel aufzudrücken.

Es perlt und fließt, es wispert und murmelt in der „Pastorale“, gleichsam religiöse Verehrung der Natur, wie weiland der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau das gefordert hatte. Aber auch in Töne gesetztes Hochgefühl angesichts von allem, was da grünt und blüht, kreucht und fleucht, knapp 200 Jahre später dann von den Impressionisten verinnerlicht.

Bei Beethoven hat das bereits ein Drehbuch, eine Landpartie mit Vogelgezwitscher am Bach, Bauernschwof, einem deftigen Gewitter und dankbaren Empfindungen, wenn sich der Sturm gelegt hat. Da genügt eine kleine F-Dur-Melodie – und schon ist man mitten drin in diesen Bildern vom einfachen Leben, die Masur in romantischen Klang umsetzt, der die klassisch ausgewogenen Orchesterstimmen wie zu einem magischen Strang bündelt. Bei milden Streicherschauern auf gedämpften Saiten entführen die famosen Holzbläser in eine behagliche Idylle. Und die Vogelstimmen am plätschernden Bach erscheinen wie eine natürliche Konsequenz. Erst bei Blitz und Donner wird das französische, auf feinere Klanglichkeiten geeichte Orchester auch einmal laut, aus dessen Grollen sich ein Hirtenlied löst, zum Genießen schön und geschmackssicher gespielt. Denn Masur frischt die Farben behutsam auf, überzieht sie nur mit einer dünnen Lackschicht.

Heftiger sinfonischer Szenenwechsel dann bei der Siebten in A-Dur, ein einziger Hymnus auf die Lebensfreude und von Masur und den Franzosen filigran bis robust ausgespielt, die selbst Beethovens Lust an klanglicher Reibung klassisch kultivieren. Gegenpol ist ein Allegretto, das seltsam zwischen Trauermarsch und beglückendem Dur changiert und derart intensiv ausgesungen wird, dass man es nur schwer aus dem Kopf bekommt. Ehe der Rhythmus wieder die Oberhand gewinnt – mit tänzerischen Einlagen am Dirigierpult.

Sieht man von ein paar Angebern ab, so müssen die stehend dargebrachten Ovationen für Maestro und Orchester ein Herzensanliegen sein. Wie Beethovens Sinfonien dem großen Kurt Masur. KLAUS ACKERMANN

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