Magie der Schwestern ungebrochen

Frankfurt - Wer auf den Gedanken käme, CocoRosie nachzueifern, dürfte von vornherein zum Scheitern verurteilt sein. Das in Paris lebende US-amerikanische Schwesternpaar Bianca und Sierra Casady ist zwar mitprägend für die Popkultur gewesen. Von Sebastian Hansen

Eine „Schule“ haben CocoRosie freilich bezeichnenderweise nicht gebildet. Das Phänomen ist bis heute einzigartig geblieben. Zunächst, nach dem Erscheinen des Debütalbums „La maison de mon rêve“ 2004, waren es vor allem die Zirkel der Popconnaisseure, die sich für CocoRosie interessierten. Das hat sich inzwischen geändert. Mit ihrer derzeitigen Tournee, die sie in die Jahrhunderthalle Frankfurt-Höchst geführt hat, sind sie von den Klubs in die mittleren Säle übergewechselt – ein Zeichen dafür, dass sie im Mainstream-Publikum angekommen sind.

Es ist eine Kunstwelt, in der sich CocoRosie bewegen. Man kann von Eskapismus sprechen und von den Äußerungsformen einer neuen Romantik. Charakteristisch sind die sich antipodisch zueinander verhaltenden Stimmen. Die von Bianca, die auch Flöten spielt, quäkt in einer wundersamen Weise. Sierras Stimme ist am Operngesang geschult: Sie wechselt zwischen der Harfe und dem indischen Harmonium. Das Fundament für diese Ansammlung von Klangmirakeln liefern eine Human Beatbox und ein Schlagzeuger. Am Klavier sitzt der vom Jazz kommende französische Pianist Gael Rakonton, der seit der Einspielung des jüngsten Albums „Grey Oceans“ das Klangbild von CocoRosie mitprägt.

Ein Sog der Eigenartigkeit und des Staunens macht diese Musik so bezwingend. Der Zeitfluss erscheint verlangsamt, selbst wenn das Tempo mal ein wenig anzieht. Es handelt sich um eine Musik in der Schwebe. Ein Eindruck von Durchgängigkeit stellt sich ein, über die Grenzen der einzelnen Nummern hinweg. Die sich wiederholenden Bilder einer Video-Collage durchziehen den Abend, als Teil eines Ansatzes von Konzeptpop. Die biografische Episode mit einer Abstammung von einem nomadisierenden Hippiepärchen samt indianisch-schamanischem Hintergrund darf man, ob sie tatsächlich wahr oder doch nur erfunden ist, getrost dem Konzept zuschlagen.

Für viele dürften CocoRosie noch eine Neuentdeckung sein. Wer schon länger mit ihrer Musik vertraut ist, mag ungeachtet leichter Akzentverschiebungen auf der Suche nach einer ernstlichen Weiterentwicklung nicht fündig werden. Die Magie ihrer Musik aber ist ungebrochen.

Rubriklistenbild: © Claudia-Hautumm / Pixelio.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare