Magier mit und ohne Taktstock

Mühsam bewegt er sich gen Dirigierpult. Doch einmal auf dem Podest angekommen, strotzt Sir Roger Norrington vor Spannkraft, die sich sofort aufs Radio-Sinfonieorchester Stuttgart zu übertragen scheint, mit dem der Chefdirigent beim Rheingau-Festival gastiert. Von Klaus Ackermann

Wagner, Schumann und Dvorak sind die Programm-Stationen im Wiesbadener Kurhaus – der Pionier historischer Klangforschung ist in der Romantik angekommen. Und hat für Schumanns Cellokonzert einen jungen Solisten verpflichtet, der in Stuttgart lehrt, Professor Jean-Guihen Queyras.

Ob mit oder ohne Taktstock, kaum ein Dirigent kommt mit so wenig Dirigierbefehlen aus wie Norrington und erreicht dabei so viel. So schon in der Ouvertüre zu Wagners „Fliegendem Holländer“, in dessen erregende Unwetter- und Geistersphären er so erlebnisreich einsteigt, wie er die Sehnsucht nach Erlösung glutvoll auszumalen vermag.

Obwohl erkennbar dreiteilig, wirkt auch Schumanns Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll mit seinen beziehungsreich verknüpften Themen wie aus einem Guss, von Queyras behutsam melodiös aufgeladen. Weit gespannte Liedthemen ziehen da viele quälende Gedanken nach sich, eine permanente innere Zwiesprache. Und nach edler kantabler Zweisamkeit des Solisten mit dem Cello-Vorspieler herrscht tiefe Melancholie.

Wieder so ein Ohrwurm

Selten hat man Streicher so nahezu vibratolos spielen gehört, eine „historische“ Errungenschaft, die freilich den Reichtum an fahlen Tönen noch mehrt, von denen sich der technisch nahezu makellose Solist auf seinem wohlig tönenden und schmerzvoll aufbegehrenden Cappa-Instrument von 1696 souverän abhebt. Hochklassige instrumentale Feinmechanik bietet Queyras noch in der Zugabe, der Etüde Nr. 7 des Beethoven-Zeitgenossen Jean-Louis Duport.

Konfliktreich und in Moll, vom Holzbläser-Chor abgefedert, beginnt auch Dvoraks „Londoner“ Sinfonie Nr. 7 d-Moll, in deren Adagio fein timbrierter und wohltemperierter Hörnerklang auffällt, offenbar ebenso eine Stuttgarter Spezialität wie die anmutigen Querflötengirlanden. Genüsslich scheinen sich Norrington und sein Orchester im Ländler zu wiegen, wieder so ein Ohrwurm. Natürlich ist auch in dieser Dvorak-Sinfonie das final leuchtende Dur Trumpf, in Norringtons Klangvorstellung wahrlich lupenrein, der mit den Stuttgartern stürmisch gefeiert wird. Für einen auch ohne Zugabe spannenden Konzertabend.

Rubriklistenbild: © Pixelio / Segovax

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