Müller-Westernhagen im Capitol

Taufrischer Klassiker

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Gut bei Stimme: Westernhagen konzentrierte sich auf den Gesang, während die Rock’n’Roll-Cowboys das Haus rockten.

Offenbach - Auf einer exklusiven Tournee durch handverlesene deutsche Clubs stellt Altrocker Marius Müller-Westernhagen sein neues Album „Alphatier“ vor. Darunter auch das ausverkaufte Offenbacher Capitol, wo der 65-Jährige und seine neuen Songs gebührend gefeiert wurden. Von Thomas Ungeheuer 

„Habt Ihr Spaß?“ Das fragt Marius Müller Westernhagen sein Publikum im Offenbacher Capitol, nachdem er bereits fünf Songs gespielt hat. Er kann sich absolut sicher sein, wie die einhellige Antwort lautet: „Ja!“ In Hamburg, Hannover und Köln hat der 65-jährige bislang sein neues Album „Alphatier“ in kleineren Clubs vorgestellt. Überall sei es der „Wahnsinn“ gewesen. Dass diese Serie nicht abreißen darf, dessen sind sich die Konzertbesucher, deren Durchschnittsalter um Mitte vierzig liegt, bewusst. Im Chor rufen sie deshalb auch in Offenbach das Zauberwort „Wahnsinn!“ Beseelt klatschen sie bei „Clown“, einem neuen Song, im Takt mit, um während der Ballade „Engel, ich weiß“ andächtig ihrem bestens gelaunten Helden zu lauschen.

Aber besinnliche Momente sind die Ausnahme. Der Sound von Westernhagens siebenköpfiger Band erinnert an die Rolling Stones zu Beginn der 1970er Jahre. Westernhagen spielt nach eigenem Bekunden mit der Sorte von Musikern zusammen, die er sich schon zu Beginn seiner Karriere 1975 gewünscht hätte. Und in der Tat hat der Wahlberliner mit den sämtlich aus Amerika stammenden Rock’n’Roll-Cowboys, so wurden sie in New York, wo „Alphatier“ eingespielt wurde, genannt, famose Instrumentalisten im Rücken.

Ton, Steine, Scherben als Inspirationsquelle

Westernhagen selbst greift hingegen nur selten in die Saiten seiner „Duesenberg“-Gitarre. Fast ausschließlich widmet er sich dem Gesang und lässt eine volle Stimme hören, die nichts von ihrer Kraft und Rotzigkeit verloren hat. Als er zwischendurch leicht ironisch die Erlaubnis zum Tanz gibt, trägt dies nur kurz Früchte. Lieber will das Publikum konzentriert der abwechslungsreichen Musik zuhören, zu der Lindiwe Suttle, neue Freundin und Backgroundsängerin des mehrfachen Plattenmillionärs, Westernhagen „inspiriert“ hat.

Wenn er wütend in dem Song „Keine Macht“ über das korrupte System der Banken singt, nennt der Star hingegen die legendären Ton, Steine, Scherben als Inspirationsquelle. Ob jemand bemerkt, dass er auf geschickte Weise den Southern Rock von The Allman Brothers Band und den psychedelischen Sound der Doors miteinander vermischt? Als stadiontauglich, wie so mach frühere Hits erscheint „Keine Macht“ gottlob nicht. Überhaupt wirkt das Material, das Westernhagen vorstellt, erstaunlich wenig kalkuliert. Daran zweifelt man auch nicht, wenn das Publikum mit „Oh, wie ist das schön“ eine Stadionhymne anstimmt.

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Dass die sanfte Ballade „Wahre Liebe“ glaubhafter von Semino Rossi vorgetragen werden könnte, als vom stolzen Autoren selbst, sollte diesem ein guter Freund vielleicht besser unter vier Augen mitteilen. Ansonsten bereichert das „Alphatier“ mit vielen gelungenen Songs, die - zumindest live - frisch und kraftvoll gerockt klingen. In diesem Sinne hätte es nach achtzig Minuten Show gar keine Zugaben mehr gebraucht. Aber das Publikum freute sich dennoch über Klassiker wie „Willenlos“, „Taximann“, „Sexy“ und „Mit 18“. Den letzten Song „Johnny Walker“ sang es sogar einträchtig mit. Bedenklich, wenn man sich den Text dieser Ode an Alkohol vor Augen führt.

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