Interview mit Max Raabe: „Ich gönne mir Abgründe“

„Küssen kann man nicht alleine“ – so heißt das neue Album von Max Raabe, das er mit der Sängerin Annette Humpe produziert hat. Im Interview mit Redaktionsmitglied Niels Britsch sprach Raabe über die neue Platte und seine Vorliebe für die Musik der 20er und 30er Jahre.

Wie würden Sie das neue Album beschreiben?

Max Raabe: „Es ist Raabe-Pop. (lacht) Es steht natürlich in der Tradition der 20er und 30er Jahre, beinhaltet aber auch Elemente aus der Popmusik der letzten Jahrzehnte. Ich habe mich gefragt, wie würden die Kompositionen und Texte der 20er Jahre wohl heute klingen. Das Album ist die logische Konsequenz daraus. Meine Stücke früher habe ich allein geschrieben, nun haben Annette Humpe und zusammengearbeitet. Da Annette aus einer ganz anderen musikalischen Richtung kommt, ist etwas ganz Neues entstanden. Sich gegenseitig die Bälle zuzuspielen, hat mir Spaß gemacht. Ein Arbeiten, das ich in der Form bisher nicht kannte. Viele Stücke sind von ihr geprägt – gerade bei der Musik wollte ich, dass sie ihren eigenen Stil einbringt.“

Die meisten Texte schwanken zwischen melancholisch-wehmütig und witzig-ironisch. Wie kommt man auf diese widersprüchliche Mischung?

„Das schätze ich an den Liedern der 20er und 30er Jahre, ich mag es, wenn die Texte ein bisschen frech oder schräg sind und Wendungen haben. Zum Beispiel das Lied ,Du weißt nichts von Liebe’ auf dem neuen Album: Es fängt wie ein Liebeslied an, und am Ende heißt es: ,ich kriege noch Geld von Dir zurück, das überweist du’. Das ist mir spontan eingefallen und war eigentlich mehr als Witz gemeint, aber Annette hat dann gesagt, so nehmen wir das.“

Lieder im Stile der 20er und 30er Jahre sind heute eher selten, was hat Sie dazu bewogen, gerade diese Lieder zu singen?

„Wir hatten zuhause eine Truhe mit vielen Vinylscheiben, da hat mir diese Musik einfach gefallen. Ich war früher Messdiener und bei den Pfadfindern, und dort wurden bunte Abende veranstaltet, bei denen Sketche aufgeführt wurden. Ich habe mir dann einfach den Zylinder meines Vaters aufgesetzt und gesungen.“

Hätten Sie je geglaubt, damit erfolgreich zu sein?

„Nein, ich bin immer noch fassungslos, dass ich mit einer Musik, die 80 Jahre zurück liegt und die nur mein ganz persönlicher Geschmack ist, so weit gekommen bin. Das war für mich nur ein Hobby, dem ich aus Vergnügen nachging. Ich habe zwar gemerkt, dass die Auftritte gut ankamen, aber das habe ich nie ernst genommen.“

Wann haben Sie dann bemerkt, dass Sie damit Ihren Lebensunterhalt bestreiten können?

Max Raabe kommt mit dem Palast Orchester am 18. März in die Alte Oper Frankfurt.

„Ich habe Gesang studiert und wollte eigentlich an die Oper. Damals gab es das Palast Orchester schon, wir haben bereits Konzerte gegeben. Mit den Auftritten wollte ich mir nur das Studium finanzieren. Dann habe ich 1992 aus Jux das Stück ,Kein Schwein ruft mich an’ geschrieben, und das war auf einmal ein Riesenerfolg. Wir wurden in Fernsehshows eingeladen und haben auch Konzerte außerhalb Berlins gegeben. Dann haben wir eben beschlossen, damit weiterzumachen, solange wir Spaß daran haben und die Leute uns hören wollen.“

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

„Es ist wichtig, nur das zu machen, wovon man wirklich überzeugt ist und sich nicht zu verbiegen. Ich habe das gesungen, was mir Spaß macht – ohne große Bühnenshow.“

Würde es Sie reizen, auch einmal eine andere Musikrichtung zu präsentieren?

„Also man wird mich jetzt nicht beim Headbanging erwischen. Aber wir haben ja auch schon andere Sachen gesungen.“

Man sieht Sie in der Öffentlichkeit nur mit Anzug oder Frack – kleiden Sie sich auch in den eigenen vier Wänden so, oder kann man Max Raabe privat in Jeans oder Jogginghose antreffen?

„Nein, ich habe zwar auch meine Nachlässigkeiten und ich laufe auch nicht immer mit Krawatte herum, aber alles zu seiner Zeit. In den eigenen vier Wänden gönne ich mir auch Abgründe.“

Hätte gerne gesellschaftliches Leben von damals erlebt

Wünschen Sie sich manchmal, in den 20er Jahren gelebt zu haben?

„Es würde mich schon reizen, einmal einen Ausflug in diese Zeit zu machen – aber mit Rückreisegarantie. Angesagte Treffpunkte – wie heute das Berghain (Technoclub in Berlin, Anm. der Red) – hat es auch in den 20ern gegeben, das gesellschaftliche Leben von damals hätte ich schon gern erlebt.“

Wie kommen Sie jetzt auf das Berghain?

„Alle Welt spricht von diesem Club, das macht neugierig. Ich war noch nie dort und wüsste auch gar nicht, ob ich da reinkäme. Die Demütigung, von den Türstehern als unpassendes Publikum aussortiert zu werden, erspare ich mir.“

Sie könnten sich ja verkleiden und dem Publikum anpassen...

„Das wirkt immer komisch, ältere Herrschaften, die sich als Teenager verkleiden...“

...würden Sie sich denn als älterer Herr bezeichnen?

„Nein, natürlich nicht. Aber es ist doch peinlich, wenn sich Leute um die 50 wie Teenager anziehen - die Hose auf Halbmast und die Baseballkappe falsch herum...“

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