Mehr Koma als Karma

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Die multimediale Überdosis degradiert die im diffusen Scheinwerferlicht kaum erkennbaren Künstler zu bloßen Statisten.

Als zum Finale mit dem Klassiker „Karmacoma“ noch einmal die wandfüllende LED-Anzeige mit pausenloser Überflutung der Sinne demonstrierte, wie weit die Technik voran geschritten ist, wird zur Gewissheit, was zwei Stunden lang im Raum schwebte: Die multimediale Überdosis degradiert die im diffusen Scheinwerferlicht kaum erkennbaren Künstler zu Statisten, die den Geistern, die sie einst herbei riefen, nicht mehr Herr werden. Von Ferdinand Rathke

Nur selten hinterließ ein Spektakel derart gemischte Gefühle. Galten Massive Attack doch einerseits als leuchtendes Beispiel für Experimentierwillen und Robert Del Naja sowie Grantley Daddy G Marshall als geschmackssichere Protagonisten der einst so fortschrittlichen Szene der britischen Trip-Hop-Hochburg Bristol. Andererseits mutierte das seit geraumer Zeit durch gewiefte Studiomusiker und diverse Gastsänger fast schon auf Orchestergröße erweiterte Ensemble zum gesichtslosen Projekt, das 2004 sein letztes Werk veröffentlichte und sich auch auf Konzertbühnen eher rar machte.

Zähflüssiger Querschnitt aus Klassikern

Nicht geringeres als „Splitting The Atom“ führten Massive Attack im Schilde – auch wenn die musikalische Visitenkarten neueren Datums mit brisantem Titel, Vorbote eines für 2010 geplanten Albums, erst zur Zugabe ausgepackt wurde. Zuvor durfte das gar nicht so zahlreich wie erwartet in der Frankfurter Jahrhunderthalle erschienene Publikum sich durch einen recht zähflüssigen Querschnitt aus Klassikern kämpfen, die mit den jeweiligen Originalen oftmals nur noch wenig gemeinsam hatten: „Teardrop“, ein eigentlich majestätisch in Zeitlupe operierendes Glanzstück voller Höhepunkte, fand sich als kaum wieder erkennbare fade Version mit der im Dauereinsatz sich befindenden Sängerin Martina Topley-Bird am Mikrofon.

Die als Vokalistin weitaus geeignetere Deborah Miller, die den ersten Chartstürmer „Unfinished Sympathy“ halbwegs interessant interpretierte, kam ebenso wenig auf einen angemessenen Schnitt, wie das für eindrucksvolle Momente sorgende Urgestein Horace Andy. Auch vom gern in PR-Aktionen genutzten politischen Engagement von Massive Attack war wenig zu spüren. Plakative Slogans, die sich etwa gegen einen Kamera-überwachten Polizeistaat in Großbritannien stellten, wirkten einfach eine Spur zu überzogen.

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