Melancholie in Puzzle-Teilen

+
Gisbert zu Knyphausen entstammt einer Rheingauer Wein-Dynastie. Er scheint sich neben der Musik jedoch mehr für Kaffee zu interessieren.

Es gibt ihn noch, den Liedermacher. Der auf Deutsch singen kann, ohne dass es peinlich ist. Der Lieder über Alltägliches schreibt, ohne dass es unecht wirkt. Von Maryam Schumacher

Gisbert zu Knyphausen gilt als Star des deutschen Indie-Pops. Als Liedermacher wurde er mit Größen wie Reinhard Mey verglichen. Er wird gefeiert. Aber es scheint, als fühle sich Knyphausen nicht ganz wohl dabei.

Für das Schreiben nimmt sich Gisbert zu Knyphausen viel Zeit. „Ich puzzle die Worte über Tage, Wochen, manchmal Monate zusammen.“ In seinen Songs schwingt ein melancholischer Grundton mit. „Das kommt automatisch. Wenn ich eine Gitarre in die Hand nehme, kommt etwas Trauriges heraus“, erzählt Knyp hausen. Dabei sei er auch ein heiterer Mensch. „Die melancholische Seite in mir ist eigentlich nur ein Teil meiner Persönlichkeit.“

„Brauche Deadlines, um den Arsch hoch zu kriegen.“

Einfach war es für Knyphausen nicht, Musiker zu werden. Sein voller Name lautet Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen. Der Vater ist Winzer in Eltville und hatte für seinen Sohn eigentlich eine andere Karriere vorgesehen – als Bankier oder Jurist. Stattdessen entschied sich sein Sprössling, Musiker zu werden, wenn auch auf Umwegen: Er probierte es mit Schauspiel, mit Regie und dann mit Musiktherapie. Sein Studium hat er nicht beendet, weil er lieber Musik machen wollte.

Dieses Jahr, pünktlich zu seinem 30. Geburtstag, kam die zweite Platte („Hurra! Hurra! So nicht“) heraus, zwei Jahre nach der ersten. Keine allzu lange Zeit. „Ich brauche Deadlines, um den Arsch hoch zu kriegen“, sagt der Künstler und lacht schüchtern. Überhaupt ist Knyphausen zurückhaltend. Er hätte sich einfach nicht träumen lassen, dass er als Liedermacher so ankommt, meint er bescheiden. „Ich dachte, ich würde viel mehr Kritisches hören.“

Unkitschig und unprätentiös

Knyphausen wirkt verunsichert. „Ich habe keinen strukturierten Arbeitstag. Die Gefahr ist, ständig rumzuhängen.“ Er sagt das, als müsse er sich rechtfertigen. Als wären es mahnende Worte an ihn selbst. Dann lacht er leise, unbeholfen. Das passt zu dem Sticker, den er auf der Bühne trägt und auf dem steht: „Musik ist scheiße.“ Dieses Teenager-Gehabe, sein Ringen mit Worten am Mikrofon – wahrscheinlich mag sein Publikum gerade das. Es verzeiht ihm Nervosität, die er zugibt. Es verzeiht ihm Sprüche wie diesen: „Ich hätte nie geglaubt, dass ich eine zweite Platte von mir vermarkten kann.“

Am Ende ist es genau das, was ihn ausmacht. So unkitschig und unprätentiös wie er sind die Lieder. Und deshalb will niemand, dass er das Versprechen einlöst, eines Tages einen heiteren Song zu schreiben, „einen, der leicht ist“. In diesem Monat steht er noch zweimal auf der Bühne, unsicher, nervös und mit schöner Melancholie in der Stimme: Am Freitag, 27. August, gastiert er im Wiesbadener Schlachthof beim Festival „Folklore10“.

Kommentare