Melodien aus dem Stahlbad

Als die legendäre amerikanische Indierock-Band Dinosaur Jr . vor gut zwei Jahren zu einer Wiedervereinigung ihrer Originalbesetzung ansetzte, musste man sofort an Mord und Totschlag denken. Von Christian Riethmüller

Schließlich war das einflussreiche Trio schon 1989 deshalb gesprengt worden, weil sich Gitarrist J. Mascis, BassistLou Barlow und Schlagzeuger Murph in schöner Regelmäßigkeit gegenseitig an die Gurgel gingen. Doch mit dem Alter scheint die Weisheit gekommen und das Comeback wirklich ernst gemeint zu sein. Jedenfalls hat Dinosaur Jr. mit dem Titel „Farm“ nach „Beyond“ bereits das zweite, sehr gelungene Album seit der Reunion veröffentlicht und sich außerdem als mittlerweile zuverlässige Live-Band von beeindruckender Intensität bewährt. Die Zeiten scheinen vorbei, als sich die Gruppe einen notorischen Ruf erworben hatte, Konzerte ganz kurzfristig abzusagen.

„Almost ready“

Im nahezu ausverkauften Mousonturm in Frankfurt präsentierten sich Mascis, Barlow und Murph also als Einheit, auch wenn ihnen zumindest zu Konzertbeginn der Kamm hätte schwellen können. Beim ersten Song „Almost Ready“ waren die Tontechniker nämlich noch lange nicht fertig, die Anlage auf die akustischen Besonderheiten des Theatersaals einzustellen. Der Gesang ging völlig unter, während Mascis’ legendäre Gitarrenwände plötzlich aus Wachs zu sein schienen und in sich zusammensanken.

Auch „Gargoyle“ und „Back To Your Heart“ litten unter dem dünnen, verwehten Gesang, bevor die Technik doch triumphieren durfte. Denn Dinosaur Jr. ist bei aller instrumentalen Könnerschaft der Bandmitglieder vor allem ein Sound-Erlebnis. Wenn Mascis seine Gitarrespiel durch verschiedene Effektgeräte und drei bis zum Anschlag aufgerissene Marshall-Türme jagt, Barlow dazu Akkorde wie auf einer Rhythmusgitarre auf seinem Bass schlägt und Murph einer Maschine gleich das Schlagzeug beackert, fühlt man die Lärmwände förmlich auf sich zukommen, aus denen im nächsten Moment aber die süßesten Melodien zu vernehmen sind und Mascis zu seinen hinreißenden Gitarrensoli ansetzt, die Stahlbad und Wolkenkuckucksheim in wunderbaren Gniedeleien wie sonst nur bei Neil Young zu vereinen wissen.

Alles beim Alten also. Nur mit einer Könnerschaft gespielt, die junge Dinos noch nicht haben konnten. Und deshalb ein Ereignis.

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