Melodiker von Geblüt

Zwei Künstler und eine gestalterische Atemkurve: Mit einem wahren Wohlfühlprogramm gastierten Geigerin Baiba Skride und Dirigent Andris Nelsons beim Konzert des hr-Sinfonieorchesters in der Alten Oper. Von Klaus Ackermann

Beethovens lyrisch getöntes Violinkonzert und die von Richard Strauss sinfonisch aufbereitete Nietzsche-Ballade „Also sprach Zarathustra“ boten den lettischen Melodikern viel Grund für intensive Dialoge. Mit hr-Sinfonikern, die das Ganzkörper-Dirigat des Debütanten aus Riga zu beflügeln schien.

Dabei ist der Tanz am Dirigierpult nie darstellerischer Selbstzweck. Schon im „Ricercar a 6“ aus Johann Sebastian Bachs „Musikalischem Opfer“, vom Schönberg-Schüler Anton Webern auf großes Orchester projiziert, herrscht gläserne Klarsicht auf Stimmverläufe. Begünstigt von Weberns sensibler Instrumentierungskunst, der mit impressionistischem Gespür die barocke Form auflud. In Verbindung mit Nelsons’ Sinn für Expressivität ergibt das puren Klanggenuss – wie man ihn von einem Zwölftöner kaum erwartet.

Aus feinen melodischen Lyrismen entwickelt auch Baiba Skride den sinfonisch anmutenden Dialog mit dem inspirierend aufspielenden Orchester in Beethovens Konzert D-Dur. Zwischen melodisch feinfühligem Dur und betörendem Moll ihrer gesanglich weit tragenden Stradivari „Wihelmj“ herrscht innige Kommunikation auf allen Ebenen. Bei Tempi, die auch im melodisch beseelten Larghetto Gelassenheit ausstrahlen. Die Violin-Kadenzen mit ihren vielen Doppelgriffen wirken hier wie spontan improvisiert. Das Rondo, eine aparte Rokoko-Reminiszenz, kommt figürlich so locker rüber, als sei es eine Selbstverständlichkeit. Und auch die Zugabe, der dritte Satz aus Bachs a-Moll-Sonate, zwingt Spannung in ehrwürdige Form.

War Andris Nelsons ein zuverlässiger Partner in Beethovens konzertanter Poesie, so zeigt er den von Nietzsches Gedankenlyrik getragenen Konflikt zwischen unnachgiebiger Natur und menschlichem Geist gleichsam im sinfonischen 3-D-Format. Schon die Eingangsfanfare, mit tiefschwarzem Orgelklang unterfüttert, ist ein Paukenschlag, aus dem sich dann ein wundersamer, klanglich breit angelegter Sonnenaufgang entwickelt, bei subtilen Dreingaben der hellwachen Holzbläser auf fülligem Streichergrund.

Von Hause aus ein Chefdramatiker, zeigt der lettische Dirigent in diesem immer kontrolliert wirkenden und so jedwedes Pathos meidenden Richard-Strauss-Panorama viel Sinn für Schattierungen, für Grautöne im frei schwebendem Pianissimo. Wieder einmal fallen die zahlreichen Anleihen aus dem „Rosenkavalier“, von Nelsons deutlich fixiert. Selbst der nachhaltige Abgesang ist von Operngeist beseelt. Die „Heurigen“-Terzen scheinen da ein finales Fragezeichen zu setzen. Das steht freilich nicht hinter der Dirigenten-Karriere. Denn Nelsons hat’s einfach drauf.

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