Mendelssohn mit Meeresrauschen

Immer wieder Mendelssohn. Zum 200. Geburtstag beherrscht der Wegbereiter zur Romantik die Konzertprogramme. Fürs Gewandhausorchester Leipzig, das zum hochkarätigen „Auftakt“ in der Alten Oper Frankfurt bei Pro Arte ein Gastspiel gab, ist das ein Muss. Von Klaus Ackermann

Schließlich war Felix Mendelssohn Bartholdy Kapellmeister des ältesten bürgerlichen Orchesters der Welt. Mit seinem jugendlichen Geniestreich, dem Konzert für Klavier und Orchester g-Moll op. 25, legte Chefdirigent Riccardo Chailly ein wenig abgenutztes Opus auf. Und machte mit Saleem Abboud Ashkar bekannt, einem 33-jähriger palästinensischen Pianisten, der in Berlin lebt.

Es ist diese unaufgeregte, sehr orchesterdienliche Art des italienischen Maestro, die spontan einnimmt. Chailly dirigiert völlig uneitel, trägt nie zu dick auf und schafft doch hohen Erlebniswert. So beschert der Bestseller des Jubiläumsjahrs, Mendelssohns Ouvertüre „Die Hebriden“, einen durchsichtigen Orchesterklang, Meeresrauschen und festlicher Aufmarsch aus ferner Zeit inklusive. Dynamische Spitzen erreicht das Ensemble mit geziemendem Anlauf, bei dem sich der Klarinettist als erlesener Melodiker ausweist.

Heftig die Tasten durchpflügt

Con fuoco, mit Feuer, soll das Allegro des Klavierkonzerts gespielt werden. Und Askar durchpflügt von Anbeginn an heftig die Tasten, hat aber Respekt vor den Anforderungen der virtuosen Anlage, die angelegentlich im Pedal-Nebel verschwindet. Allenfalls in den Überleitungen der drei Sätze, nahtlos miteinander verzahnt, blitzt differenziertere Anschlagskunst auf, die im sinnlich-feinfühligen Andante-Lied vermisst wird, vom gesanglich tiefer gründenden Orchester schließlich nachgereicht. Erst im Presto scheint der Tastenakrobat aus Nazareth freigespielt, mit perlenden Läufen bis in den Diskant seine technische Reife bestätigend.

Heftiges Gebimmel

Mit Werken des russischen Realisten Modest Mussorgski (1839-1881), von dem der eindrucksvollste Herzinfarkt der Musikgeschichte stammt („Boris Godunow“), schlägt Chailly ein neues Kapitel auf, das die Fähigkeiten der Leipziger ausreizt. Die sinfonische Dichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ hat Rimski-Korsakow orchestriert, ohne das Wilde dieser russischen Walpurgisnacht zu mildern. Sehr diszipliniert gehen die Leipziger den permanenten Hummelflug an, mit nachdrücklichen Bläser-Spitzen und heftigem Gebimmel höllischen Spuk entwickelnd.

Ursprünglich für Klavier komponiert, hat der Franzose Maurice Ravel Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ für großes Orchester instrumentiert und seine Handschrift eingebracht. Erkennbar in den ungewöhnlichen Verbindungen und der dramatischen Schärfe dieses Gangs durch eine Galerie. Schon die wiederkehrende „Promenade“ bietet immer neue Aussichten. In Momentaufnahmen vom Ballett der Küchlein in den Eierschalen, vom Gewühl auf dem Marktplatz von Limoges oder dem festlichen Gepränge vor dem Tor von Kiew verrichtet das Orchester schwerste Maßarbeit. Derart auf modernistische Härten vorbereitet, stellt Chailly den jungen Landsmann Carlo Boccadoro vor, der nach Bravostürmen die Zugabe liefert, eine jazzige „Royal Garden Music“. Dass daraufhin kein weiterer Nachschlag erklatscht wird, haben die Leipziger sicher einkalkuliert ...

Kommentare