Mittelalter-Rocker von In Extremo finden im Capitol zu alter Frische.

Metaller der Minne

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In entspannter Sitzposition und mit ungewöhnlichem Instrumentarium tritt die Band In Extremo auf.

Eine ausgiebige Zigarettenpause auf Wunsch von Frontmann Das letzte Einhorn braucht es schon, um das knapp zweistündige Spektakel unter dem Motto „Tranquilo Akustik Tour“ im Offenbacher Capitol durchzustehen. Allzu viel Sitzfleisch beweisen die treuen Anhänger der mitteldeutschen Minne-Metaller nicht. Sind die teils etliche Kilometer angereisten Fans von In Extremo doch eigentlich auf flächendeckende Bombardements in Dezibelwerten weit über der Norm im Feuerschein geeicht. Ausnahmsweise im filigranen Akustik-Konzept vertreiben Deutschlands populärste Mittelalter-Rock-Vertreter kurz vor Frühlingsbeginn die bösen Geister des Winters.

Üppigen Einblick gewähren In Extremo in ihre immerhin 15 lange Jahre währende Karriere, die nach der Wende auf wie Pilze aus dem Boden schießenden Mittelaltermärkten begann. Zwar zeigte das Septett aus Erfurt mit Stützpunkt Berlin auch nach dem Durchbruch ein Händchen für Schalmei, Drehleier, Harfe, Cister, Nyckelharpa, Tibetanisches Horn, Uilleann Pipe und Sackpfeife, doch ging die instrumentale Virtuosität im durchschnittlichen Hauruck-Metal unter. Da war es Zeit, dass Yellow Pfeiffer, Dr. Pymonte, Flex der Biegsame, Van Lange, Die Lutter, Das letzte Einhorn und Ersatz-Schlagzeuger Adrian Otto wieder beweisen, welch gute Musiker sich hinter ödem Geplänkel verbergen.

In Extremo verstehen ihr Handwerk perfekt, wenn sie Klänge vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit mit Lyrik in überlieferten Mundarten, Selbsterdachtem auf Hochdeutsch oder auch Lateinisch und Spanisch ausstatten. In urgemütlicher Wohnzimmeratmosphäre mit Sofa, Tisch und Lampen präsentieren die erfolgreichen Künstler subtil Kammermusikalisches mit akribisch einstudierten Partituren jahrhundertealter Originale in Oden und Weisen, die Titel wie etwa „Spielmann“, „Nym phenzeit“ oder „Merseburger Zaubersprüche“ tragen. Sogar Das letzte Einhorn knurrt weniger selbstgerecht aus der durchs Rauchen rau gewordenen Kehle.

Durch 24 akustische Stücke rackert sich das Ensemble in zwei durch eine halbstündige Pause getrennten Sets. In Extremo geben sich dennoch selbstbewusst wie gewohnt, wenn Das letzte Einhorn auf Zwischenrufe schlagfertig wie ehedem reagiert. Mit traumhaftem Timing und Gespür für das Auditorium serviert das zum Teil im Stil der 20er Jahre gekleidete Musikerkollektiv eine fabelhafte Dramaturgie, die es bei seinem Metal-Geballer in vergangenen Jahren vermissen ließ. Endlich entfalten In Extremo wieder die einst so unnachahmliche Ironie dieser spöttischen Troubadoure, als die sie zu Beginn angetreten waren! FERDINAND RATHKE

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