Miley Cyrus in Frankfurter Festhalle

Hemmungslose Sex-Karaoke

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Rotzfrech kalkulierter Irrsinn auf Gold-Geländewagen.

Frankfurt - Menschen, Kuscheltiere, Softporno-Sensationen - und ein trotzig enthemmtes Skandal-Girlie, das den Kindergeburtstag zum Fall für den Jugendschutz macht. Von Peter Müller

Pop-Prinzessin Miley Cyrus züngelt sich in der tropisch aufgeheizten Frankfurter Festhalle durch ein grellbuntes Toys´R´Us des Bizarren. Mittendrin: Plüsch-Pferde und Riesen-Huskys, die kleinwüchsigste Tänzerin der Welt neben der längsten Drag-Queen, schwarze Schwellköppe und ein gülden aufgemotzter Geländewagen.

Neulich, als an gleicher Stätte der putzige Eidgenosse DJ Bobo in seinen familienfreundlichen „Circus“ geladen hatte, durfte man noch glauben, dieses Show-Spektakel sei schwerlich zu toppen. Nun ist die rebellische 21-Jährige, die einst als brav brünette „Hannah Montana“ noch ein All American Girl sein musste, aber auf „Bangerz“-Tour und führt vor, dass sie zur derzeit wohl cleversten, respektlosesten, frivolsten Verkäuferin der eigenen Marke gewachsen ist.

The next Madonna? Hotter than Rihanna? Provokanter noch als Lady Gaga? Vielleicht von allem ein bisschen. Und jede Menge post-pubertäre Rebellion obendrauf. Schon ihr Entree ist ein Lolita-Statement der exzentrischen Art: Im knappsten aller je gesehenen String-Tanga-Tops rutscht sie in ein schrilles Bühnen-Universum - auf der Stoffzunge ihres eigenen Riesen-Konterfeis. Rrrummms, hier bin ich!

Der Eröffnungssong „SMS - „Struttin´ My Stuff“ gibt dann so etwas wie das Orakel auf einen rotzfrech kalkulierten Irrsinn, der sich da in den nächsten zwei Stunden - bis zum Ritt auf einer prall roten, fliegenden Bratwurst der Marke Hot Dog - abspielen wird. Breitbeinige Kamasutra-Gymnastik auf goldener Motorhaube („Love Money Train“), die laszive Liebe zum kürzlich verstorbenen Haushund Floyd, der für „Can´t Be Tamed“ als monströse Papp-Ikone aufgeblasen wird oder orangenes Menschen-Federvieh, das zur Song-Orgie „FU“ mit eindeutigem Hüfteinsatz beglückt wird - mehr Sex-Karaoke geht kaum.

Miley Cyrus in der Festhalle

Miley Cyrus in der Festhalle

Zeremonienmeisterin Cyrus gibt dabei alles, zumindest suggeriert sie das: Spuckt fröhlich Kühlwasser in die Menge, aus der zum Dank „Plüsch-Brüste“, BHs oder sonstige Präsente fliegen, bemüht die Lieblingsvokabeln „Bitch“, „Tits“ oder „Fuck“ gefühlte hundert Mal und befriedigt ihre ausnehmend propper gebauten Tänzerinnen mit virtuellen Dildos diverser Couleur. Zwischendurch gibt´s zum obligatorischen Griff in den Schritt immer auch Musik, von Pop-Mainstream („My Darlin´“) über HIpHop („23“) unter Schlumpf-Mütze bis zum finalen, Konfetti-umwölkten Platin-Brenner „Party in the USA“, der einem seligen Abraham-Lincoln-Double noch einen Blowjob beschert - die Frage, wie viele lustige Zigaretten man für solche Ideen geraucht haben muss, ist längst obsolet.

Und das Verblüffende an diesem fiebrigen Nummernrevue-Wahnwitz: Miss Cyrus kann was, sie hat Bühnenpräsenz und eine großartige Stimme, die in dem gnadenlos übersteuerten Sound-Gebräu leider viel zu oft untergeht. Ausnahme: Ihr Cowgirl-Auftritt in der Hallenmitte, mit Bob Dylans Uralt-Perle „You´re Gonna Make Me Lonesome …“, einer vollends entschleunigten Version von „Lucy In The Sky With Diamonds“ und dem Country-Evergreen „Jolene“ von Patentante Dolly Parton.

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