Mittelmeer als musikalischer Schmelztiegel

Die Mittelmeerregion ist seit dem Altertum ein zwar nicht in sich geschlossener, aber durch regen Austausch gekennzeichneter Kulturraum. Noch heute haben Anrainer beider Küsten mehr miteinander gemein als Süd- mit Nordeuropäern, Nord- mit Südafrikanern.  Von Stefan Michalzik

Okzident und Orient treffen aufeinander. Der französische Lauten-Multi-Instrumentalist Titi Robin, den sein biografischer Abriss als leidenschaftlichen Wanderer zwischen den Kulturen auch im Sinne einer inneren Reise ausweist, setzt an dieser Schnittstelle an. Zwischen der arabischenKnickhalslaute Oud, der doppelseitigen griechischen Langhalslaute Bouzouki und der akustischen Gitarre wechselnd, trat er mit seinem Ensemble zum Saisonschluss des Frankfurter Summer-in-the-City-Festivals auf.

Mit seinen Hervorbringungen sprengt Robin den Rahmen des fragwürdigen Gattungsbegriffs Weltmusik, den die Dienstagsreihe im Palmengarten als Signum führt. Der 49-jährige schöpft aus einem trikontinentalen Fundus, den er bis Indien dehnt, eine eher dem Jazz als den ethnischen Wurzeln nahestehende Kunstmusik. Das Trio, neben Robin besetzt mit dem aus Brasilien stammenden, mit Instrumenten wie Kelchtrommel Darabuka, Rahmentrommel und Sitzkastentrommel Cajon indes hispano-oriental ausgestatteten Perkussionisten Zé Luis Nascimento und dem französischen Akkordeonisten Francis Varis, behandelt die wechselnden Lauten zwar als Priminstrument. Gleichwohl pflegen die Drei eine Kultur des Austauschs, des angeregten kammermusikalischen Dialogs.

Mannighafte Quellen

Es handelt sich um improvisatorische Musik, die mitunter das Frage-und-Antwort-Prinzip aufnimmt. Mal ist der Flamenco für eine Nummer prägend, mal die Musik der Roma. Nie entsteht der Eindruck beliebig ausschweifender Allerweltsmusik: Robin bedient sich mannigfacher Quellen, gelangt jedoch zu stilsicherer Geschlossenheit.

In Anlehnung an das Ende 2008 erschienene Doppelalbum „Kali Sultana/L’Ombre du Ghazal“ trat nach dem instrumentalen ersten Teil im zweiten Robins Tochter Marie als Sängerin und Tänzerin auf. Die Führung ihrer Altstimme ist gekennzeichnet durch orientalische Verschleifungen und Ornamente. Die Virtuosität, mit der Titi Robin und sein Ensemble musizieren, ist Voraussetzung, nicht Selbstzweck. In bestechender Weise erscheint alles streng wesentlich. Nichts ist zu wenig, nichts zu viel. Aus der Tradition entsteht zeitgenössische Musik von dezidiert individueller Ausprägung.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare