Mitten ins Herz navigiert

Frankfurt - Sie haben nicht genug Kohle für eine Sitzplatzkarte? Sie kennen die Texte nicht richtig? Sie haben keine trainierte Blase? Kein Problem. Von Michael Eschenauer

Bei Herbert Grönemeyer, der zurzeit mit „Schiffsverkehr“ durch deutsche, österreichische und Schweizer Großarenen tourt, sind das Mittanzen, das Verschmelzen mit der La-Ola-Welle alles und das entspannte Bein nichts.

Wer als Fremdling im Meer der textsicher mitbrüllenden Fans die lautsprecherverzerrte Poesie nicht immer versteht, der kommt ebenfalls nicht zu kurz. Auch ihn trifft die oft seelenvolle, neuerdings etwas maritime Gesamtstimmung zuverlässig mitten ins Herz. Und eine trainierte Blase braucht man ebenfalls nicht. Bei 27 Liedern, die Deutschlands erfolgreichster Popsänger hart gegen sich selbst, aber nicht gegen die Fangemeinde in der Commerzbankarena abspulte, kann man mal eine Nummer versäumen.

Balladen, Rock, Soul – auf der Bühne, einem stilisierten Fünfmaster mit weit ins Publikum ragendem Landungssteg, verausgabten sich Grönemeyer und seine neunköpfige Band mehr als zweieinhalb pausenlose Stunden lang. In der samt Spielfeld bis auf einen Bereich hinter der Bühne ausverkauften Arena gab’s den „klassischen Grönemeyer“, aber auch manch Neues, Politisierendes und Sperriges, das erst nach dem zweiten Hinhören ins Ohr geht.

Begeisterung bei den Klassikern

Druckvoll, gitarrenlastig, rockig, manchmal wuchtig fast wie Rammstein – so kommt „Schiffsverkehr“ daher. Die Texte sind eigenwillig, überraschend, bisweilen von schwieriger Poesie. Mit „Fernweh“ sticht der 55-Jährige in See – samt Schifferklavier, Bläsern und Chor. „Kreuz meinen Weg“ stellt mit verwirrend modernen Arrangements die Frage: „Hast du ein Herz auf Kaperfahrt zu gehen, Dich zu kümmern ohne Land zu sehen?“

„Deine Zeit“ („Du zinkst, was war, in kunstvoller Manier“) beschreibt die Demenzerkrankung der eigenen Mutter und der Titelsong „Schiffsverkehr“ („Die Anker los/denn auch jedes Tief dreht sich ins Hoch“) die Sehnsucht nach Veränderung. Bei „Auf dem Feld“ rechnet der Wortjongleur Grönemeyer mit dem Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan ab.

Der Applaus bei den neuen, anstrengenderen Titeln ist kräftig, aber er bleibt hinter der Begeisterung zurück, stimmt der große Kommunikator Herbert alte Kracher wie „Alkohol“, „Bochum“, „Männer“, „Schmetterlinge im Bauch“, „Zeit, dass sich was dreht“ oder zum Abschluss den mit einem süffigen Gitarrenduell unterlegten „Vollmond“ an. Wunderkerzen wippen auf und ab, zigtausend winkende Arme bilden einen riesigen, in der Dünung wogenden Seegrasrasen - Grönemeyer-Auftritte sind gigantische Familienfeiern und die Fans schon vor der ersten Nummer auf Betriebstemperatur. Auch dem Barden mit spärlichem Haar und Bauchansatz im blau geringelten T-Shirt läuft der Schweiß in Strömen. Doch die Leute haben das Gefühl, dass er es ist, der hier den meisten Spaß hat: „Das vergessen wir euch nie. Das war wundervoll hier. So etwas erleben wir nicht jeden Abend!“

Grönemeyer hat zwar Trockeneis, die Menge, Laserkanonen und Lautsprechertürme. Doch im Grunde braucht er das alles nicht. Er gewinnt mit Authentizität, positiver Energie und musikalischer Qualität.

Rubriklistenbild: © dpa

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