Jean-Yves Thibaudet und das Orchestre National de Lyon in Wiesbaden

Mittler zwischen Welten

Im Jahr seines 200. Geburtstags hat Felix Mendelssohn Konjunktur. Auch beim Rheingau Musik Festival, das per Hebriden-Ouvertüre und „Schottischer“ Sinfonie eine Klang-Reise in den Norden startete. Mit dem Romantiker hat US-Komponist George Gershwin allenfalls die klangliche Farbigkeit gemein.

Dass sein Concerto in F in dieser Umgebung nicht als Fremdkörper empfunden wurde, gereicht dem Pianisten Jean-Yves Thibaudet, dem Orchestre National de Lyon und Dirigent Jun Märkl zur Ehre.

Vom Überflieger Thibaudet sind gottlob keine Allerweltsprogramme zu erwarten. Wer unlängst in der Alten Oper seine rhythmischen Attacken im Ravel-Konzert für die linke Hand erlebt hat, weiß dass die Zeit einfach reif für Gershwin war. Doch im Wiesbadener Kurhaus sorgt der Tasten-Genius wieder für eine Überraschung, mit seiner differenzierten Anschlagskunst den Amerikaner in die Nähe eines Spätromantikers wie Rachmaninow rückend.

Natürlich ist da auch viel Jazz im Spiel, jedoch eher als virtuose Lustbarkeit billigend in Kauf genommen. Zumal das Orchester aus Thibaudets Geburtsstadt Lyon die schwerblütigen melodiösen Entwicklungen perfekt in Szene setzt, die jazzmäßigen Synkopen dagegen akademisch-trocken setzt. Wie ein Blues in einer schummrigen Bar wirkt der Einstieg Thibaudets, aus dem sich eine Art konzertant erhöhte Samba ergibt, die wiederum in einen melodiösen Ohrwurm mündet. Spontan hat man Gershwins „Rhapsody in Blue“ im Kopf, deren Themen im Concerto in F ebenso weiter entwickelt scheinen wie die immergrünen Songs der Oper „Porgy and Bess“ bei der Trompetenballade Pate standen, herrlich flatschig gespielt. Und in den gestochen scharf gehämmerten Klavier-Repetitionen sind die virtuosen Toccaten der russischen Gershwin-Zeitgenossen nahe.

Von wegen U-Musik: Absolut ernsthaft geht Thibaudet zu Werke, dessen Sensoren einen modernen Klassiker orten, der Gershwin sogar mit Chopin in Verbindung bringt. Geht man davon aus, dass die Zugabe, ein träumerisch intoniertes Nocturne, kein Zufall ist.

Gershwin von Mendelssohn umzingelt: Voraus geht die „Hebriden“-Konzertouvertüre in ebenso herbem Moll wie die „Schottische“ Sinfonie, vom auswendig dirigierenden Jun Märkl auf mittlerer Flamme gegart. Ob nun klingende Ansichtskarte, historische Parade oder Kriegsgetümmel samt Trauermarsch und Dankeschoral: Für die Franzosen und ihren agilen Maestro ist zumindest die Sinfonie ein gutes Stück absoluter Musik, die es akribisch zu strukturieren und mit Leuchtkraft zu versehen gilt. So klassisch ausgewogen hat man Mendelssohn selten erlebt - selbst in der Zugabe ohne Geheimnisse, dem Scherzo aus dem „Sommernachtstraum“.

KLAUS ACKERMANN

Kommentare