Der Zahn der Zeit

Motörhead lassen es in der Stadthalle krachen

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Phil Campbells Power-Riffs haben noch immer Groove und Lemmy hat eine nackenschonendere Haltung zum Mikrofon.

Offenbach - Kopf in’n Nacken, nicht viel schnacken, dafür aber Rock’n’Roll direkt auf die Zwölf: Auf diese einfache Formel ließ sich bisher ein typisches Motörhead-Konzert reduzieren.Von Christian Riethmüller

Doch der Auftritt des legendären Trios am Montagabend in der wirklich bis auf den letzten Quadratzentimeter ausverkauften Stadthalle in Offenbach ist diesmal nicht typisch in seinen Ritualen.

Dass Lemmy Kilmister im reifen Alter von fast 67 Jahren (oder sind es doch schon 74, wie ein hartnäckiges Gerücht lautet?) nicht mehr stundenlang zu einem über Kopfhöhe hängenden Mikrofon hochbrüllt, ist als nackenschonende Maßnahme durchaus verständlich. Wenn der Bassist und Sänger aber im Zugabenteil plötzlich anfängt zu reden, dann horcht der Konzertbesucher doch auf, vorausgesetzt er ist noch nicht so heillos betrunken wie einige der Fans im Foyer, die mit allerlei Verrenkungen versuchen auf den Beinen zu bleiben.

Nach links oder rechts taumeln

Ob sie nach links oder rechts taumeln, wissen sie möglicherweise nicht mehr, ebenso wie Lemmy übrigens, der mit seiner Ansprache wohl nur seinen langjährigen Begleitern Mikkey Dee am Schlagzeug und Gitarrist Phil Campbell den verdienten Sonderapplaus zukommen lassen will, doch dabei mit „links“ und „rechts“ so durcheinander kommt, bis Campbell ihm schließlich zuruft er stehe links von ihm und damit vom Publikum aus gesehen rechts. Solch kurzfristige Orientierungslosigkeit kann zwar jeden ereilen, doch bei Lemmy Kilmister, diesem Meister des Cool, lässt sie aufmerken.

Die kleine Episode passt zu anderen, für sich allein genommen unbedeutenden Lässlichkeiten, die in der Summe den Eindruck verstärken, dass die glorreichen Motörhead-Tage zu Ende gehen. Hatte die Band früher die Stadthalle mit einer zwar brachialen, aber gerade noch erträglichen Lautstärke im Griff, zwingt einen diesmal der Lärm fast in die Knie oder eben ins Foyer, wo Campbells Power-Riffs plötzlich wieder grooven und Lemmys Shouting einer Melodie zu folgen scheint.

Bilder vom Motörhead-Konzert

Motörhead legt Offenbach lahm

Die alten Kracher wie „Ace of Spades“ und „Overkill“ erweisen sich so einmal mehr als unsterblich, während die übrige Songauswahl während des gut 75-minütigen Konzerts nicht nur die Preziosen einer nun 37-jährigen Bandgeschichte präsentiert. Das jüngste Album „The Wörld is Yours“ ist dabei nur mit dem Song „I Know How to Die“ repräsentiert, der gewiss keine Aussage hinsichtlich der Zukunft der Band treffen will, doch wie ein Hinweis klingt, dass selbst Urgesteine der Rockmusik irgendwann ins Wanken geraten können.

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