„Musica Judaica“ in der Französisch-Reformierten Kirche

Gegen das Vergessen

Offenbach - Auf die vielfältige historische Belegung des Datums verwies der Journalist Anton Jakob Weinberger in seiner Moderation zu dem unter dem Signum „Musica Judaica - Musik gegen das Vergessen“ stehenden Konzert mit dem Pianisten Olaf Joksch, der Geigerin Yumiko Noda und dem Cellisten Johannes Oesterlee am Abend vor dem 9. November in der Offenbacher Französisch-Reformierten Kirche. Von Stefan Michalzik

Weinberger ist Gründer der initiierenden Max-Dienemann/Salomon Formstecher Gesellschaft. Novemberrevolution, die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung 1938 im von den Nationalsozialisten beherrschten Deutschland, schließlich der Fall der Berliner Mauer 1989 - biografische Bezüge zu diesen Ereignissen im Leben der Komponisten gibt es teilweise. Auf der anderen Seite beziehen sich Musiken auf den jüdischen Ritus. .

Seit einigen Jahren erst wird dem in Warschau geborene Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) allmählich eine Anerkennung als dritter großer russischer Komponist des zwanzigsten Jahrhunderts neben Sergej Prokofjew und Dmitri Schostakowitsch zuteil. Vielfach ist ihm eine zu große stilistische Nähe zu seinem Freund Schostakowitsch unterstellt worden, tatsächlich ist eher von einer wechselseitigen Befruchtung auszugehen. Weinbergs Familie ist von den Nazis ermordet worden. In der Sowjetzeit ist er einer unterstellten jüdischen Verschwörung wegen verhaftet worden, Schostakowitsch hat sich für ihn eingesetzt, nach Stalins Tod ist Weinberg freigekommen. Das eingangs gespielte Poeme: Moderato aus dem 1945 entstandenen Trio für Violine, Violoncello und Klavier op. 24,3 gibt in seiner Expressivität ein beredtes Beispiel für Weinbergs erweiternden Umgang mit den Harmonien, die Grenzen des tonalen Systems hat er indes nie überschritten.

Ein Jahr zuvor hat Schostakowitsch sein zweites Klaviertrio op. 67 geschrieben. Es handelt sich um das erste Stück, das in Leningrad nach dem Sieg über Nazideutschland uraufgeführt worden ist. Es ist der Einfluss Mahlers, der an dieser Musik abzulesen ist, an Schönberg vorbei wirkt sie ausgesprochen modern. Die Synagogalmusik im deutschsprachigen Raum hat der 1821 in Posen geborene Louis Lewandowski im 19. Jahrhundert mit einer bis heute anhaltenden Wirkung reformiert. Er hat den traditionellen Synagogalgesang mit der europäisch-romantischen Musik seiner Zeit verbunden. Aus dem romantischen Geist sind auch das Klavierstück Kol Nidre op. 6 von 1865 und Consolation Nr. 4 aus den Neun kleinen Stücken op. 44 von 1892 geschöpft.

So wirkt Musik auf unseren Körper

So wirkt Musik auf unseren Körper

Wie eine Meditation über die Endlichkeit wirkt das 1958 komponierte Stück „Awoda“ des Schweizer Komponisten Ernest Bloch, der in seine spätromantisch-impressionistische Musiksprache einen hebräischen Faden eingewoben hat, im Bestreben nach einer jüdischen Nationalmusik von zugängiger Modernität. Maurice Ravel ist kein Jude gewesen, Kaddisch für Violoncello und Klavier aus den „Deux mélodies hébraïques“ von 1914 ist eine Anverwandlung von berührendem Reiz.

In jeder Hinsicht verdienstvoll ist dieser Abend. Ergänzt wurde er durch Aufzeichnungen von Mally Dienemann. Die Ehefrau des Offenbacher Rabbiners Max Dienemann kündete von den Schrecknissen um die Pogromnacht, vorgetragen hat die Auszüge Andrea Weinberger. Musikdramaturgisch wie interpretatorisch bewegte sich alles auf dem höchsten Niveau. Hellwach, fein nuanciert und konzentriert ist musiziert worden, quer durch alle Positionen mit äußerst gespannt wirkenden Klangbildern, analytisch klar konturiert und ungemein klangsinnlich zugleich.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

Mehr zum Thema

Kommentare