Musik vereint Menschen

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In den Songs seines neuen Albums beschäftigt sich der europaweit erfolgreiche Milow auch mit der kulturellen Spaltung seines Heimatlandes Belgien.

Der Musiker Milow fackelt nicht lange, wenn ihm eine Frage gestellt wird. Ob er unter Zeitdruck steht? Sein Album „North And South“ (Universal) spielte er in den knapp bemessenen Momenten ein, die ihm zwischen dem Erfolgsalbum „Milow“, der Single „Ayo Technology“ und Konzertreisen blieb. Von Carlo Eicher

Scheinbar braucht der 29-Jährige kein Alleinsein zum Wiederbeleben kreativer Energien. In den elf neuen Songs übt er sich nicht als Selbstforscher, sondern als Beobachter seiner Umgebung, seines Landes und der Verbindungen zwischen Menschen. Es geht um die Plage neuer Technologien, das Vermissen eines Gemeinschaftsgefühls und die Kluft, die sich durch sein Heimatland zieht.

Nord und Süd versinnbildlicht den Konflikt zwischen dem flämischsprachigen Norden und dem französischsprachigen Süden Belgiens. Zwar gibt es mit „The Kingdom“ nur einen Song, der sich politisch mit der Zweiteilung beschäftigt. Laut Milow steht er trotzdem beispielhaft für sein Werk: „Die ganze Platte fängt Gegensätze ein. Wenn man viel unterwegs ist, stellt man mehr und mehr fest, wie widersprüchlich nicht nur ich, sondern alle Leute leben, die mir in den letzten zwei Jahren begegneten. Wir suchen nach Gemeinschaft und streben weiter auseinander als je zuvor.“ Doch der Mann aus Leuven weiß ein Mittel, Leute, Länder und Kulturen zu vereinen: Musik.

Am Sonntag, 15. Mai, kommt Milow in die Frankfurter Batschkapp.

Als er die Vision hatte, auch außerhalb Belgiens zu punkten, wollten seine Landsleute ihn demotivieren, sagt er. Seine eher ruhigen Lieder besäßen gar nicht das Potenzial, länderübergreifend Gehör finden zu können, prophezeite man. Jedes Land habe sowieso seinen eigenen Milow gehabt. „Aber ich bin immer Musikliebhaber gewesen und wusste, dass Musik ein wichtiger, kraftvoller Motor im Leben vieler Menschen ist. Ich war fasziniert von Songschreibern, die ihr Herz in der Abgeschiedenheit ihres Zuhauses in Liedform packten und damit Menschen am anderen Ende der Welt berührten. Ich glaubte einfach daran, dass Songs in mir steckten, die ich mit vielen teilen konnte. “

Aus dem Erfolgsdruck, der auf Milow lastet, seit er zum Senkrechtstart ansetzte, schöpfte er innere Reibung. Das Bewusstsein, in der Wahrnehmung vieler wegen „Ayo Technology“ eine Eintagsfliege zu sein, habe ihn getrieben, noch sorgfältiger nach passenden Wörtern und Harmonien zu suchen.

Die Erfolgsformel, akustische Instrumentierung zu nutzen, hat Milow beibehalten. Beruhigen sollen die balladesken Songs indes nicht. Vielmehr glaubt er an die Kraft, die aus der Ruhe kommt, und sieht seine Musik als Alternative zum digitalen Geballer. „Eine Klang gewordene Beruhigungspille für Leute, denen die Welt zu schnell geworden ist, soll meine Musik nicht sein. Medizin für verhärtete Seelen kann sie aber sein, wenn man ihr ein paar Minuten Aufmerksamkeit schenkt.“

Was wirklich hängen bleibt, habe er an den Reaktionen auf „Ayo Technology“ bemerkt. „Ich singe über Internetpornos, und viele glauben, dass diese Nummer eine romantische Note besitzt, nur weil der Refrain weich klingt“, wundert sich Milow. „Mein neues Album steckt voller solcher Widersprüche.“ Wie die Single „You And Me (In My Pocket)“ mit ihrem eingängigen Refrain, in der von Machtmissbrauch und Verlustängsten die Rede ist.

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