Musikalischer Intensivkurs zum Glauben

Frankfurt- Wenn einer den Kirchen Zuwachs bringen könnte, ist es Sir John Eliot Gardiner, der den Bekenntnischarakter von Johann Sebastian Bachs Hoher Messe in h-Moll in der Alten Oper zu schärfen verstand. Von Klaus Ackermann

Und weil die auf seine lebendige Art historischen Klangs geeichten Monteverdi Choir und English Baroque Soloists samt hervorragender Solisten aus dem Chor auch rhythmisch Gas gaben, wirkte das Frankfurter Bachkonzert wie ein Gospel-Gottesdienst, der zwei Stunden lang elektrisierte. Dass mit solch moderner Zutat Bach keine Gewalt angetan wurde, davor stand Gardiners stilistisches Feingefühl, der zu den Pionieren barocker Klangforschung zählt.

Bachs Opus magnum beruht auf den fünf Hauptteilen des Hochamts, die er bis auf die letzte Abteilung zu Kantaten ausbaute, mit Chören, Sologesängen als Ausdruck der gläubigen Seele und bekräftigenden Fugen. Diesen Charakter verstärkt der Brite, indem er die Arien und Chöre aneinanderreiht und nur nach Gloria und Credo eine kurze Pause einlegt – Ausdruck der Dreifaltigkeit also und in zwingender Dramaturgie.

Im Dauer-Legato

So münden Jubelchöre und gläubige, in intensiven Soli bewegende Hoffnung in der ungeheuren biblischen Tatsache, dass Gott in Christus Menschengestalt angenommen hat, ans Kreuz genagelt wird, auferstanden ist und die Sünden der Menschheit auf sich nimmt. Wie von Engelsstimmen gesungen, zählt das Karfreitagsszenario bei Gardiner zu den ergreifendsten Momenten, vom Chor im hauchfeinen und doch ausdrucksstarken Dauer-Legato erstellt, der stimmliche Reinheit in Person zu verkörpern scheint.

Der indes auch in extremer Lage zulegen kann und die Fugenthemen so anreißt, dass sie wie kleine Fontänen aus unruhigen Wassern ragen. Das hat rhythmisch eine Verve, die vom energisch nachfedernden Basso continuo und den tiefen Streichern verstärkt wird – eilig unterwegs, aber nie verhetzt wirkend, eng verschweißt mit dem Instrumentalensemble.

Für ihren Namen legen die English Baroque Soloists Ehre ein, ein All-Star-Orchester, das Nachbauten historischer Instrumente auf vielen Ausdrucksebenen beherrscht. Herausragend die Oboisten, die Naturtrompeten-Bläser und die Hornistin. Gleichermaßen beeindruckt, wie die Gesangssolisten ihren individuellen Stimmcharakter einbringen, um im nächsten Moment wieder in den vibratolosen, immer transparenten Chorklang einzutauchen.

Sopranen, Altistinnen, Tenören und Bässen, von Gardiner suggestiv ermuntert, gebührt hohes Sammellob. Wenn der barocke Klang-Magier und -Reformator die Hände sinken lässt, entlädt sich Dauerspannung in Dauerjubel. Und das ist nur gerecht.

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