Aufruf zur Nerdrevolution

Rodgau - Spätestens seitdem der Bielefelder Rapper Casper vergangenes Jahr 18 Wochen lang auf Platz eins der deutschen Album-Charts stand, ist klar: Es tut sich wieder was im deutschsprachigen Rap. Gerade jenseits der Metropolen. Von Esther Mahr

Bestes Beispiel dafür: Max Nachtsheim alias Rockstah. Und der kommt weder aus Berlin noch aus Hamburg, sondern aus Rodgau. „Jetzt gerade ist die interessanteste Zeit seit langem für Hip-Hop. Man muss nur aufpassen, dass die Blase nicht platzt, die Plattenfirmen jeden unter Vertrag nehmen und dann wieder alle sagen: Hip-Hop ist tot“, fasst Max die Situation zusammen.

Er beweist aber auch, dass es ohne eine große Plattenfirma im Rücken funktioniert, und vertreibt Musik sowie T-Shirts und Jutebeutel mit seinem Konterfei drauf von zu Hause aus. Alle paar Minuten signalisiert der Computer dort mit einem leisen „Ping“-Geräusch den Eingang einer neuen E-Mail-Bestellung. „Ich bin momentan selbstständig als Musiker, ich kann davon leben. Und dabei bin ich ja noch nicht mal ein großer, berühmter Künstler. Ich habe mir durch Geschicklichkeit und mit Glück einen Status erarbeitet“, sagt Max. Musikalisches Talent und Engagement tragen ebenso dazu bei. „Wir haben 2012. Wir leben davon, dass die Welt viral geworden ist, dass die Leute sich die Sachen schicken, die ihnen gefallen. Du brauchst heute kein Plattenlabel mehr“, erklärt er weiter.

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“

Angefangen hat Rockstah 2005 bei einem Rap-Battle in Aschaffenburg. Es folgten verschiedene Demos und 2007 das erste Album „Das Revival der Steckdosenbefruchter“, das er zusammen mit seinem Freund und Produzenten Sam aufnahm. Ihre Musik stellten sie zum kostenlosen Herunterladen ins Internet: „Wir wollten kein Geld machen und haben auch keins ausgegeben“, erzählt Max.

Obwohl das Album 10.000 Mal heruntergeladen wurde, bedeutete das noch lange nicht den großen Durchbruch. Rockstah gab mit seiner Band Konzerte und erspielte sich langsam, aber sicher eine größere Fangemeinde. Bis die Szene auf ihn aufmerksam wurde, dauerte es aber. Diese Zeit sei seine Ausbildung gewesen, erzählt Max, „und Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Erst als Falk Schacht, Musikjournalist und Moderator der Hip-Hop-Sendung „Mixery Raw Deluxe“, Rockstah zum Newcomer des Jahres 2010 erklärte, geriet die Sache ins Rollen. Und das lag an seiner Platte „Nerdrevolution“. Von der CD wurden 1 000 Stück gepresst. Alle Exemplare sind längst verkauft.

„Ich bin 28 und wohne noch zu Hause. Das ist nicht cool“

Mit der klischeebehafteten Attitüde des Gangster-Rappers, die mit der Szene in Frankfurt in Verbindung gebracht wird, hat Rockstah wenig zu tun. „Frankfurt stand schon immer für Straßenrap“, sagt Max. Früher repräsentiert durch das Rödelheim Hartreim Projekt und Moses Pelham, heute durch den Offenbacher Rapper Haftbefehl. „Ich finde Haftbefehl wirklich amüsant und wichtig. Aber es muss halt auch die netteren Sachen geben, so wie mich“, schmunzelt er.

Denn wo es in den Texten des Kollegen um Drogen und Waffengewalt geht, rappt Max darüber, ein Verlierer zu sein: „Fakt ist nun mal: Ich bin 28 und wohne noch zu Hause. Das ist nicht cool. Ich mache aber keinen Hehl daraus.“ Der Nerd aus seinen Songs, der lieber mit der Spielekonsole statt an der eigenen Freundin herumspielt, „ist halt ein Element, mit dem ich spiele, das ist ein Teil von mir“, sagt Max – und trägt dabei ein T-Shirt mit der Aufschrift „Super Nintendo“. Offensichtlich trifft er damit einen Nerv. Seine Nerdrevolution findet im Minutentakt neue Fans. „Inzwischen ist es ein kleiner Selbstläufer geworden. Jeden Tag 150 neue Facebook-Fans kommen ja nicht von irgendwo her. Es gibt ein extremes Wachstum an neuen Hörern“, berichtet der Rapper. Seine Anhänger heißen „Nerdy Terdy Gang“, und können sich mit einem entsprechenden Jutebeutel aus dem Online-Shop schmücken.

Der Erfolg macht auch Papa Henni stolz

Die im April beginnende Deutschland-Tour mit seinen Rapper-Kollegen und Freunden Cro und Ahzumjot ist bereits ausverkauft. Im vergangenen Dezember war Rockstah im Vorprogramm von Casper unterwegs. Gleich am ersten Abend eröffnete er dabei für ihn vor 2200 Menschen. „Da schlottern einem schon die Knie“, gibt Max unumwunden zu.

Das Video-Tourtagebuch beweist: Dazu gibt es keinen Grund. Denn auch wenn das Publikum eigentlich wegen jemand anderem da war: Am Ende schrien sie doch alle schöne Grüße an Rockstahs Mama ins iPhone des Künstlers. Deshalb bleibt abzuwarten, wie lange die Antwort auf die Frage nach seinem für einen Rapper doch eher ungewöhnlichen Künstlernamen wohl noch Bestand hat: „Wenn ich schon nicht lebe wie ein Rockstar, will ich wenigstens Musik machen wie einer.“

Wäre noch zu klären, was eigentlich Papa Henni Nachtsheim zur Berufswahl des Sohnes sagt. „Anfangs war er geschockt und fragte mich: ‚Willst du jetzt einen auf Eminem machen?‘ Inzwischen ist er aber stolz“, berichtet Max. Wenn der Vater eine Hälfte der hessischen Humor-Instanz Badesalz ist, liegt die Frage nahe, ob es nicht auch eine Karriereoption gewesen wäre, in seine Fußstapfen zu treten. Als Rockstah hat er zwar erstmal andere Pläne, aber „das Thema ist noch nicht vom Tisch“.

Bis zum Vater-und-Sohn-Comedyauftritt wird es also wohl noch eine Weile dauern, schätzt Max. „Aber Bock hab ich.“

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