Lenny Kravitz in der Festhalle

Neue Funken aus altem Eisen

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Den kenn’ ich: Lenny Kravitz vor seinem Konterfei in der Festhalle Frankfurt.

Frankfurt - Die Festhalle voll, aber nicht ausverkauft; der Star mit neuem Album, aber vor allem mit alten Hits im Gepäck: Lenny Kravitz schwelgt in der Vergangenheit. Von Christian Riethmüller

Der Nostalgiker war wieder unterwegs auf Beutezug durch die Rock- und Soulgeschichte. Er schaute, was er in den vergangenen Jahren noch nicht ausgeschlachtet hatte und setzte so sein zehntes Studioalbum mit dem Titel „Strut“ zusammen. Dass er trotz der Plündereien mit dem im Titel erwähnten aufrechtem Gang durch die Gegend marschieren darf, hat Lenny Kravitz mildernden Umständen zu verdanken: Es sind Verbrechen aus Leidenschaft. Ein bisschen Led Zeppelin und Jimi Hendrix, ein wenig John Lennon und Curtis Mayfield geht bei Kravitz immer - hier ein Riff, da eine Phrase, dort ein Melodiefetzen, den man gewiss schon einmal anderswo gehört hat. Das ist zwar nicht originell, findet aber immer noch Liebhaber.

Nun aber scheint Kravitz seinen neuen Songkreationen auch nicht so recht zu trauen. Jedenfalls verzichtet er bei seinem Frankfurter Auftritt weitgehend auf neues Material. Neben dem zum Auftakt rausgefeuerten „Dirty white boots“ sind nur noch das Titelstück und die funky Hommage an seine Heimatstadt „New York City“ vom aktuellen Album Teil des zweistündigen Programms, das ansonsten die großen Hits einer mittlerweile auch schon ein Vierteljahrhundert dauernden Karriere präsentiert. Mit seiner Version des alten Guess Who-Krachers „American Woman“ und dem schmachtenden „It ain’t over ‘til it’s over“ versetzt der 50-jährige Kravitz die Festhalle im Handumdrehen in selige Erinnerungsschwelgerei, bevor er seinem famosen Gitarristen Craig Ross immer wieder die Bühne überlässt und sich selbst als Rhythmusgitarrist genügt.

Lenny Kravitz rockt die Festhalle Frankfurt

Lenny Kravitz rockt die Festhalle Frankfurt

Doch nicht nur Ross darf etwa bei der Hymne „Sister“ mit einem langen, markanten Solo glänzen. Kravitz, gut bei Stimme wie stets, gewährt auch den drei Bläsern in seiner zehnköpfigen Band so manchen Einzelauftritt und setzt auf lange Versionen, die etwa dem alten Gassenhauer „Always on the run“ geradezu Jam-Charakter verleihen. Auch wenn die improvisiert wirkenden Instrumentalpassagen vermutlich perfekt einstudiert worden sind, wird hier Kravitz’ große Begabung als Entertainer und Musiker am deutlichsten. Mag ihm auch seit etlichen Jahren kein zündender neuer Song mehr einfallen, scheint er doch aufrichtig das Musizieren und Performen zu lieben. Also schlägt er eben neue Funken aus bewährtem Material wie „Circus“, „Dancing ‘til dawn“ und „Fly away“ oder feiert die Hymne „Let love rule“ eine gute Viertelstunde lang, bis auch die letzte Stimme im weiten Saal sich dem Chor angeschlossen hat. Das ist der Weg, den Lenny Kravitz fortan gehen könnte: Das alte Material mit Background-Gesang, Bläsersätzen sowie fiebriger Orgel aufpolieren und in „Rolling Stones“-Manier in Würde altern lassen. Die Antwort auf die bei der Zugabe gestellte Frage „Are you gonna go my way“ dürfte positiv ausfallen. Zur Not auch in „Dirty white boots.

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