Neue Leichtigkeit macht Laune

„Quiet is the New Loud“: Das war die Formel, mit der das norwegische Duo Kings of Convenience 2001 ein Zeichen gesetzt hatte.

The Whitest Boy Alive, das Berliner Quartett um den Sänger und Gitarristen Erlend Øye, einst die eine Hälfte der Kings of Convenience, schließt auf gewisse Weise daran an und liefert mit entspannten Grooves den Beweis, dass auch die originären Wumms-Musiken Disco und House in eine eher leisen Spielart The New Loud zu sein vermögen.

Die derzeit von einer Woge des Erfolgs getragene Band, die im ausverkauften Frankfurter Mousonturm gastierte, hat ihr jüngstes Album mit dem Titel „Rules“ unter den Beschränkungen eines selbst auferlegten Regelwerks eingespielt. Alle Nummern wurden in einem Take eingespielt, ohne nachträgliche Bearbeitung und Effekte. Digitale Klangerzeuger standen unter Bann, zum Einsatz zugelassen waren ausschließlich Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Fender Rhodes Piano und ein paar alte Keyboards.

Wie auf dem Album klingt das im Konzert unspektakulär – aber eben alles andere als langweilig. Es ist ja auch nicht so, dass es den Wumms nicht gäbe. Er kommt nur auf eine andere, samtene Weise daher. Tanzbar sind die Nummern, viele von ihnen sind sogar ausgesprochen funky. Die Band vermittelt in ihrer Musik das hedonistische Lebensgefühl von Disco – und Erlend Øye, der schlaksigste Sänger seit David Byrne, singt dazu mit warmer sonorer Stimme melancholische Liebeslieder. Immer wieder im Laufe des Abends zitieren und covern sie Genreklassiker, beispielsweise die berühmte Hitnummer „Show Me Love“ von Robin S. aus dem Jahr 1993.

The Whitest Boy Alive setzen sich Grenzen – und sprengen auf diesem Weg welche. Das ist spielerisch im Ansatz, im Ergebnis aber weit mehr als irgendeine Spielerei. Vor allem macht es mit seiner Leichtigkeit Laune, weshalb sich The Whitest Boy Alive als Konsensband der Stunde qualifiziert haben. Mancher unkt gar, dass sie den Beginn eines Revivals der 90er Jahre markieren, das ohnedies nicht lange auf sich warten lassen dürfte.

Zumindest haben The Whitest Boy Alive bereits Nachahmer gefunden: Die viel versprechenden, aus Øyes norwegischer Heimatstadt Bergen stammenden The New Wine, die das Konzert eröffneten, schlagen wirkungsvoll in dieselbe Kerbe. So mag es wieder so kommen, dass Disco und House den Rock ablösen. Keine Einwendungen! (zik)

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