Neue Texte zu ganz anderen Melodien

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Hanau - Bei der Nummer mit dem Flamenco - ein kurioses Jaulen persifliert den Gesang - bleibt die Griffhand wie immer im Schallloch der Gitarre stecken, zur Befreiung braucht es die Hilfe eines Dritten. Von Stefan Michalzik

Wer die Konzertabende von Helge Schneider über die Jahrzehnte hinweg häufiger gesehen hat, weiß an vielen Stellen schon, was zu erwarten ist. So nun auch bei seinem Gastspiel im ausverkauften Amphitheater in Hanau.

Viel wird aus dem Bestand heraus entwickelt, immer wieder in neuen Variationen. Unter „Pretty Joe & die Dorfschönheiten“ firmiert das derzeitige Tourneeprogramm. Wie stets handelt es sich in Teilen auch um eine Greatest-Hits-Show. „Katzeklo“ wird recht bald abgehandelt, die ausgegebene Devise „Ich habe einen neuen Text gemacht, zu einer ganz anderen Melodie“ verwirklicht der Mann mit der Halbperücke, dem schwarzen Lederanzug mit Fransen und den Plateauschuhen nicht so weitreichend wie später an anderen Nummern, es ist eine Fassung mit Akustikgitarre und Querflöte zu hören, der Aufforderung zum Mitsingen kommt ein großer Teil des Publikums nach. Beethovens „Mondscheinsonate“ ist im Übrigen längst ein alter Hit aus dem Repertoire von Helge Schneider.

So gibt es also viele Wiederbegegnungen, beispielsweise bringt einmal mehr der vermeintliche Virtuose auf der Panflöte keinen Ton hervor, woraufhin er einfach pfeifend über die Röhren bläst. Manches klingt nur als kurzes Selbstzitat an, Lindenberg, Maffay und Elvis, sonst oft parodiert, dürfen diesmal zuhause bleiben, Helge Schneider haut nicht einfach jedesmal den gesamten Bestand raus, er gewichtet, mit einem Gespür für eine dramaturgische Ökonomie der langen Zeit. Der Gefahr eines Eindrucks der Selbstwiederholung ist ob des improvisatorischen Faktors vorgebeugt.

Immer wieder lacht man über Kalauer, angesichts derer man bei jedem anderen müde abwinken würde, auch das ist ein Teil des Phänomens Helge Schneider. Der zottelhaarige- und -bärtige Sergej Gleithmann taucht als alter Bekannter wieder mit seiner Gymnastikmatte auf, er wird viel bejubelt und bejohlt, genau wie der Teekoch Bodo ist er bereits seit Jahrzehnten dabei; die meisten der sechs Musiker begleiten Helge Schneider schon lange, der als Bongospieler zurückgekehrte Peter Thoms gehörte gar schon als Schlagzeuger zur frühen „kleinen Band Hardcore“, die Schneider einst um 1990 herum auf dem Weg zum Erfolg begleitet hat; Carlos Boes (Baritonsaxofon und Flöte), der Gitarrist Sandro Giampietro, Willy Ketzer (Schlagzeug), Kai Struwe am Bass und Rainer Lipski an den Keyboards, müssen - praktisch ein Running Gag über die Jahrzehnte - eine Anspielung auf Alter und Vergänglichkeit über sich ergehen lassen, sämtlich sind sie in einer animierten Art souverän quer durch alle musikalischen Lagen.

Zwischen Komik und Ernst passt bei Helge Schneider oft nur ein Blatt Papier. Lange palavert er über eine Begegnung mit Duke Ellington in Berlin, dann ist es aber gar nicht Ellington gewesen, sondern - und immer so fort. Irgendwann schließlich stimmt er mit der Band „Mood Indigo“ an, er ist der Solist am Vibraphon, es ist eine wunderbar swingende Version, nebenher albert er mit dem Vibratoeffekt herum oder er verfällt in Zeitlupe - und das eine hebt das andere nicht auf. Die profund und animiert gespielte Musik macht Freude und die Faxerei bringt einen zum Lachen - beides derart wunderbar austariert zu halten, das macht einen Teil der großartigen - und haltbaren - Kunst von Helge Schneider aus.

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