Töne aus tiefem Herzen

Offenbach - Viel Herzblut wurde da vergossen. Denn beim Neujahrskonzert, traditionell Offenbacher Pianisten vorbehalten, waren Lieblingsstücke hiesiger Tasten-Prominenz angesagt, die im zweimal ausverkauften Büsingpalais naturgemäß tief empfundene Klavier-Momente bescherten. Von Klaus Ackermann

Leider musste Frank Spannaus, siebter des Virtuosen-Verbunds, krankheitshalber passen. Doch das festigte lediglich den klassischen Schwerpunkt eines erlebnisreichen Abends mit Könnern des Solisten-Fachs.

So bleibt es Peter Kunz-von Gymnich vorbehalten, den Crossover-Akzent zu setzen. Mit einem gewichtigen Werk Keith Emersons, der im Trio Emerson, Lake und Palmer selbst der Klassik einen neuen Anstrich verpasste. Vor allem bekannt ist deren rockige Version des Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky. „Tarkus“ heißt das mehrsätzige Stück um ein seltsames Wesen – halb Tier, halb Panzer –, von Kunz-von Gymnich für Solo-Klavier eingerichtet. Ein Mahnmal gegen Terror und Krieg, die in eruptiven Skalen und wie improvisatorisch wirkenden Passagen beschworen werden. Doch der kraftvoll und motorisch auftrumpfende Pianist und Komponist versteht sich auch auf die dynamisch feineren Akzente eines Opus, das am Ende Hoffnung signalisiert.

Vorausgegangen ist Johann Sebastian Bachs „Italienisches Konzert“, Lieblingsstück des Pianisten, Komponisten und Hochschullehrers Jürgen Blume, der hier Barockes stilistisch zeitgemäß umsetzt. Klare Stimmverläufe und ein individueller Gestus, ohne ins Romantisieren zu verfallen, charakterisieren sein Bach-Spiel, das angelegentlich klavieristisch perlt.

Das Prélude Religieux aus der „Petit Messe Solennelle“

Dass Offenbachs so vielseitiger wie eigenwilliger musikalischer Kreativ-Posten sich ausgerechnet ein Rossini-Opus als Leib- und Seelenspeise erkoren hat, macht Olaf Joksch am Klavier selbst klar. Das Prélude Religieux aus der „Petit Messe Solennelle“ des Opern-Buffonikers wirkt beim Pianisten wie eine Meditation. Ob nun markanter Trauermarsch, barocke Formsprengsel oder schlichtes, sangbares Melos – alles kommt so demütig rüber, Erlösung liegt nahe.

Dass Pianist Werner Fürst Brahms liebt, ist außer Zweifel. Wie selbstverloren klingen die vier späten Klavierstücke aus op. 118/119, zwischen Gedankenschwere und tänzerischer Leichtigkeit schnell wechselnde Intermezzi, deren Vermächtnischarakter Fürst erschließt.

Sergei Rachmaninow und Elena Kotschergina – das ist wahrlich eine leidenschaftliche Beziehung, hörbar in vier Préludes aus op. 23 und 32, die bei der russischen Wahl-Offenbacherin wie intime Briefe anmuten. Mit feinen klanglichen Antennen geortet, mit spürbarer Lockerheit im Virtuos-Tänzerischen auf raffiniert-harmonischem Grund. Ein schier schwereloses Spiel, eine reife Leistung, die nicht nur den gern verkannten Rachmaninow rehabilitiert, sondern Lust auf mehr macht.

Zuvor haben Kotschergina und Joksch mit Forlane und Rigaudon aus „Le Tombeau de Couperin“ von Maurice Ravel auf eine weitere Passion verwiesen, ehrwürdige Form in reizvoller Gewandung – und mit virtuosem Selbstverständnis gespielt. An dem mangelt es auch Ronald Fries nicht, mit Chopin, dem Klavierkomponisten schlechthin, auf Du und Du, hier die Ballade g-Moll op. 23. Ein wahrlich schwerer Brocken mit all den typischen Chopin- Ingredienzen, die der Pianist in nahezu klassischer Strenge beschwört, dem auch die Zugabe zufällt. Franz Liszts „La Campanella“ ist Diskant-Gestichel pur an Tasten. Zelebriert von einem wahren Könner, der einmal mehr das beträchtliche Niveau der Offenbacher Pianisten-Zunft unterstreicht.

Natürlich wird der locker und fachlich moderierende Kunz-von Gymnich die guten Klavier-Geister auch im nächsten Jahr wieder rufen. Schließlich ist er uns noch den Spannaus schuldig. Vor allem dessen Lieblingsstück von Jazzer Oscar Peterson …

Rubriklistenbild: © dpa

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