Meister der Balladen

Nick Cave und die Bad Seeds in der Stadthalle

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Australier mit Hang zum Western-Mythos: Multitalent Nick Cave und der musikalische Direktor der Bad Seeds, Warren Ellis.

Offenbach - Zwischen kathartischem Lärm und melancholischem Wohlklang – Nick Cave und seine Bad Seeds geben in der Stadthalle Offenbach ein fabelhaftes Konzert. Von Christian Riethmüller

Der Teufel kann ihn mal kreuzweise. Mag er sich auch die Seele von Blues-Magier Robert Johnson geholt haben, jene von Nick Cave kriegt er nicht. Der schießt dem Gehörnten eher vier Kugeln in die Stirn, ganz so wie in der Mörderballade „Stagger Lee“, in der sich Cave persiflierend am von ihm sehr geschätzten Western-Mythos abarbeitet. Ohne Tod und Teufel, Bibel und Engel geht es nicht beim großen Balladen-Mann aus Australien, der sich aus Altem und Neuem Testament und den Mythen der Populärkultur ein faszinierendes Universum geschaffen hat. In dieses einzutauchen ist immer wieder eine Erfahrung, ganz gleich, ob man sich nun mit dem Literaten, dem Filmschaffenden oder aber dem Musiker Nick Cave beschäftigt.

Im Frühjahr hat der 56-Jährige das bemerkenswerte Alterswerk „Push The Sky Away“ vorgelegt, das ihn und seine Band Bad Seeds eher auf Zehenspitzen denn als Radaubrüder im Stile von Caves Nebenprojekt Grinderman unterwegs sieht. Doch nur hingetupft wollte Nick Cave seine Songs beim Konzert in der vollbesetzten Stadthalle Offenbach dann doch nicht haben. Präsentierten sich die Bad Seeds beim ersten Stück „We No Who U R“ noch halbwegs zahm, wenn etwa Warren Ellis, musikalischer Kopf der Band, die Querflöte blies, gewann der Auftritt schon beim nächsten Lied – „Jubilee Street“ – gewaltig an Intensität. Mit einem Crescendo wie bei einem Symphoniekonzert zwang der in kathartischem Lärm endende Song das Publikum fast auf die Knie, um es dann bei zarten Weisen wie „Mermaids“ oder „Love Letter“ wieder in lichte Höhen entschweben zu lassen. So fein musizierten die Bad Seeds etwa bei „West Country Girl“, dass Cave ihnen ein „Beautiful, Boys“ zurufen musste, bevor er sich wieder der dunklen Seite der Macht widmete und im glorios monotonen „Higgs Boson Blues“ Robert Johnson besang oder im auch von Johnny Cash geadelten Klassiker „The Mercy Seat“ den elektrischen Stuhl zu thematisieren.

„Lieder für die Alten“

Von Caves Material aus den späten Achtziger und frühen Neunziger Jahren hätte es nach dem Geschmack einiger Fans noch weitere Kostproben geben sollen, doch Cave beschied den sehnsüchtigen Rufen nach dem „old stuff“ die ironische Replik, ob man tatsächlich „Lieder für die Alten“ hören wolle.

Alte Songs für die mit Cave in Würde gealterten Mittelalten im Publikum gab es dann doch noch reichlich im Zugabenteil, den die Band mehr oder minder auf Zuruf gestaltete. Bei „Deanna“ aus dem Jahr 1988 wollte Cave von seiner sechsköpfigen Band zwar wissen, ob die sich noch an diesen Titel erinnere, doch intonierten die Bad Seeds dieses frühe Juwel ähnlich souverän wie das stoische „Do You Love Me?“, den „Weeping Song“ und das gloriose „Into My Arms“, für das man Nick Cave und seine Begleiter am liebsten in selbige geschlossen hätte.

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