Kaleidoskop des aktuellen Tons

Frankfurt - Klingende Weihnachtsgaben zu verteilen, überlässt er anderen. Wenn Sebastian Weigle „sein“ Frankfurter Opern- und Museumsorchester dirigiert, sind Besonderheiten programmiert, das traditionsreiche „Museum“ auch mal auf ungewohntem Kurs steuernd. Von Klaus Ackermann

Dazu gehört Daniel Schnyders Violinkonzert, das wie ein Kaleidoskop aktuellen Tons anmutet, von der Solistin Nora Chastain kräftig geschüttelt, die in der Alten Oper Frankfurt einen virtuosen Einstand gab. Flankiert wurde das die ganze Welt musikalisch umarmende dreisätzige Opus des Schweizers aus New York von einer Konzertouvertüre Edvard Griegs und der ersten Sinfonie von Jean Sibelius, Romantik aus dem hohen Norden.

Auf Schauspielmusiken wie „Peer Gynt“ verstand sich Grieg, um die Oper hat der Norweger eher einen Bogen gemacht. Eigentlich schade bei einem so wirkungsvollen Liedkomponisten, dessen Ouvertüre „Im Herbst“ bei Weigle und dem Museumsorchester ein hinreißendes Brio entwickelt. Zwar auf einer Italienreise komponiert, aber eher Stimmungsbilder des Lands von Fjord und Fjell. Ein straffes durchläufiges Marcato, das von mildem melodiösen Chroma durchzogen ist, mit kraftvollem folkloristischem Stempel im herrlich derben finalen Tanz.

Die Schlagwerk-Batterie und ein voluminöses Marimbaphon lassen schon ahnen: Beim 1997 für die Solistin aus Kalifornien geschriebenem Violinkonzert geht es rhythmisch zur Sache. Auch in den hart angerissenen Hardbop-Phrasen, unisono mit den Streichern, oder in den wie improvisatorischen Umspielungen dem Jazz verpflichtet, an dem Nora Chastain sichtbar Spaß hat.

Südamerika ist da nicht fern, wie die impressionistische „Syrinx“-Flöte oder harmonisch üppig aufgeladener Balladenton. Und hin und wieder hat man melodiöse Anleihen des Sibelius-Violinkonzerts im Ohr. Viel zu entdecken gibt es also in diesem stilistischen Flickwerk des Schweizers Schnyder, das allerdings durchweg dramaturgisch Sinn macht und der Solistin aus den Staaten viel Gelegenheit für virtuose Eskapaden bis an die Geräuschgrenze gibt. Den herzlichen Beifall nimmt auch der Komponist entgegen, sich samt Meistergeigerin mit einer Ballade revanchierend, die er erst vorgestern, auf der Zugfahrt nach Frankfurt, geschrieben hat. Astreiner Jazz - für Sopransaxophon und Violine.

Eindeutig Sibelius ist dessen Sinfonie Nr. 1 e-Moll, auch wenn Motive und Melos wie die wundersame Klarinettenkantilene beim großen sinfonischen Aufriss durchaus russisch anmuten. Doch nach orchestral fein erspürtem Waldweben, geisterhaft-trockenem Holzbläser-Geplapper und einer flotten, bewusst aufgerauten Valse, deren knappes Motiv selbst in Kesselpauken wiederkehrt, lichtet sich das schmerzliche Moll zu festlichem Dur auf. Dann geht’s ums hymnische Ziel – und Weigle sowie die Opernhaus-Sinfoniker geben alles.

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