Teen-Idol Kim Wilde in der Alten Oper

Nostalgie in Schwarz

Gute alte Zeit: Kim Wilde hat das Frankfurter Publikum für einen Abend in die Achtziger Jahre versetzt. Foto: Geoig

An Konzerte, die mitunter viel zu spät beginnen, hat sich das hiesige Publikum längst gewöhnt.

Aber dass ein Gastspiel viel zu früh beginnt? Den Auftritt von Kim Wilde auf der Bühne der nahezu ausverkauften Frankfurter Alten Oper konnten nur jene mitverfolgen, die früh genug gekommen waren. Denn die Vorgruppe Kellner fiel ohne nähere Angaben von Gründen einfach aus.

So startete die etwas dralle Sängerin, die mal in den Achtziger Jahren ein internationaler Teenstar war und ihren Ruf einigermaßen unbeschadet in die Gegenwart retten konnte, eine halbe Stunde früher als vorgesehen. Eine satte Leistungsschau aus sagenhaft vielen Hits von anno dazumal mit dazwischengestreutem neuem Material.

Hergerichtet auf Las Vegas präsentiert sich das Ambiente: Ausladende Showtreppe mir breitem Zugang rundum. Besonders viel nutzen wird Kim Wilde den Auslauf in den kommenden 100 Minuten nicht. Viel lieber schreitet ihr exaltierter Bassist auf den Brettern umher. Hergerichtet ganz in Schwarz mit Totenkopfrock zu schweren Bikerstiefeln und Zylinder, gibt der baumlange Kerl mit überschulterlangem Blondhaar ein hervorragendes Bild ab. Als die Chefin nach zu laut übersteuertem Auftakt mit „King Of The World“, „Chequered Love“ und „Hey You“ zum ersten „Hallo“ ansetzt und den Bassisten namentlich vorstellt, könnte die Überraschung nicht größer sein: Es ist Nick Beggs, Mitglied der ebenfalls in den Achtziger Jahren populären Band Kajagoogoo, der vielen allein wegen seiner auffälligen Frisur, die er seinerzeit trug, in Erinnerung geblieben sein dürfte.

Mag es Kim Wilde auch ein dringliches Anliegen sein, sich vor allem mit neuen Songs in Erinnerung zu bringen – die gemischte Fan-Schar hat ganz andere Bedürfnisse: Pure Nostalgie steht im Vordergrund, erkennbar am wehmütigen Weißt-du-noch-Blick, der verträumt in längst vergangenen Tagen verharrt.

Bejubelt wird zwar alles, was Kim Wilde und die sechs Musiker, darunter auch ihr seit Karrierebeginn treu ergebener Bruder Ricky Wilde an der Gitarre sowie dessen Tochter Scarlett als Harmoniesängerin, in wildem Zickzackkurs von sich geben. Doch vor allem gut Abgehangenes wird mit Sonderapplaus bedacht. Aufstehen von den Sitzplätzen, um ordentlich Stimmung zu machen, gelingt aber erst, als die Takte der vielleicht schönsten Wilde-Ode ertönen: „Cambodia“. Wie ausgezeichnet die Band funktioniert, unterstreicht ein virtuoses Akustik-Set mit unter anderem „Jessica“, „Love Blonde“ und dem Tasmin-Archer-Hit „Sleeping Satellites“.

Mehrmals zieht Kim Wilde sich zurück, um eine weitere Variante in Schwarz zu präsentieren. Nötig wäre das nicht, doch die leidige Kleiderfrage beschäftigt heutzutage ja nicht nur die Damenwelt immer öfter. Für das auf Vergangenheit geeichte Publikum, das Miss Wilde in millionenfacher Ausfertigung als Poster im Jugendzimmer hängen hatte, stellt sich eine ganz andere Frage: Wie viele Hits bekomme ich für mein Eintrittsgeld? Kim Wilde, auf die eine wechselvolle Karriere nach frühem Triumph wartete, wo sie mal im Londoner Westend auf der Bühne stand, TV-Sendungen moderierte, als Landschaftsgärtnerin wirkte oder gar für Zeitungen und Zeitschriften schrieb, bevor sie heiratete, um fortan Kinder und Gatten zu versorgen, hält bis auf wenige Ausnahmen alle parat. Sogar Nenas „Anyplace, Anywhere, Anytime“ und Alphavilles melancholische Erkenntnis „Forever Young“ führt sie im Programm, das mit energiegeladener Version des Debüt-Hits „Kids In America“ endet.

FERDINAND RATHKE

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