US-Jazzsängerin Diana Krall

An der Nostalgieschraube gedreht

+
Diana Krall

Frankfurt - Diana Krall verheißt seit jeher einem Publikum, das vor den Zumutungen des zeitgenössischen Jazz Reißaus nimmt, die Labsal der Rückbesinnung auf eine heile musikalische Welt von einst. Von Sebastian Hansen

Schon die Bühnendekoration zum Konzert in der Frankfurter Alten Oper ist bezeichnend: eine rudimentäre Nachstellung eines Theaters der Vaudeville-Zeit, mit roten Samtvorhängen, einer mit Glühlampen besetzten Mondsichel links und einem Grammophon auf der rechten Seite. Den ganzen Abend über sind im Hintergrund Ausschnitte aus Hollywoodfilmen zu sehen.

Diana Krall hat mit ihrem Retrojazz-Entertainment in den neunziger Jahren gleichsam die weibliche Antwort auf die durchweg männlichen Young Lions der achtziger Jahre gegeben – und eine Flut von populären Leicht-Jazzdiven nach sich gezogen. Eines wird man ihr nicht nachsagen können: Unvermögen. Im Frankfurter Konzert belegte sie einmal mehr, dass sie sich als Pianistin stilsicher auf den Pfaden ihrer erklärten Heroen Fats Waller und Nat King Cole zu bewegen vermag, in einer handwerklich staunenswerten Annäherung an eine Eins-zu-eins-Reproduktion, gleichsam als Vertreterin der historischen Aufführungspraxis.

Eine Windung weiter

Zwischenzeitlich hatte sie sich in Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann Elvis Costello mit eigenen Songs an einem Singer/Songwriter-Pop versucht. Nun hingegen scheint sie die Nostalgieschraube noch eine Windung weiter getrieben zu haben als zuvor. Das Konzertrepertoire speiste sich weitgehend aus jenem des kürzlich veröffentlichten Albums „Glad Rag Doll“, einer Sammlung von Songs, die zu einem Großteil auf die Schellack-Ära zurückgehen.

Das mürbe-leidenschaftliche Aufbegehren, das den Adel großer historischer Jazzsängerinnen wie Sarah Vaughan ausmacht, geht Krall völlig ab. Sie bleibt vordergründig. Der spröde Gesang lässt nicht spüren, dass sie von den Welten- und Liebesrätseln tatsächlich viel weiß. Zu alledem wirken die Songs auf der Bühne merkwürdigerweise weitaus schablonenhafter als in den triftigeren Einspielungen. Tom Waits’ „Temptation“ erscheint in Kralls Anverwandlung – wie so mancher schöne Song an diesem Abend – seltsam blass. Ihr Gitarrist gebärdet sich dazu als Soundalike des am Entwurf von Waits’ Klangarchitektur maßgeblich beteiligten Marc Ribot, der auch an den Aufnahmen zu „Glad Rag Doll“ mitgewirkt hat.

Glamourös gibt sich Diana Krall in den Fotoinszenierungen ihrer Albencovers und -booklets, diesmal präsentiert sie sich gar als Rag Doll in Korsagen. Das ist freilich Maskerade, auf der Bühne macht sie unglamourös schale Scherze. Es spricht natürlich nichts gegen die Wiedergeburt des Jazz-Entertainments – bissfester dürfte es aber schon sein.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare