Offen für neue musikalische Einflüsse

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Bass-Legende Dave Holland ist einer der Stars des Festivals im hr-Sendesaal.

Frankfurt - Der Jazz ist in seiner gut hundert Jahre währenden Geschichte praktisch keiner Verbindung mit Stilen aus dem Weg gegangen. Kaum hatten Techno, HipHop und später Drum’n’Bass in den 1990er-Jahren den Durchbruch geschafft, tauchten schon erste Fusionen auf. Von Stefan Michalzik

Das Programm zum 44. Deutschen Jazzfestival in der letzten Oktober-Woche im Sendesaal des Hessischen Rundfunks, dessen Jazzredaktion das Programm gestaltet, firmiert unter dem Motto „Bits’n’Bites“. Der Schwerpunkt kommt einem Kompendium unterschiedlicher Konstellationen von elektronischen und herkömmlichen Mitteln im Jazz nahe.

Mit pedalgesteuerten Wah-Wah- und Distortion-Effekten nach Art der E-Gitarre in der Rockmusik arbeitet der Franzose Guillaume Perret mit seinem elektrifizierten Saxofon, er eröffnet das Festival mit seinem Quartett The Electric Epic. Für den reinen Naturton auf seinem Instrument steht der inzwischen 73-jährige Tenorsaxofonist Pharoah Sanders, einer der Protagonisten des spirituellen Free Jazz in den 1960er-Jahren. In der Begegnung mit jungen Musikern um den Kornettisten Rob Mazurek, die als São Paulo and Chicago Underground in Erscheinung treten, begegnet er erstmals Musikern mit elektronischem Instrumentarium. Als Verwalter des Erbes von Michael Brecker wird Tenorsaxofonist Donny McCaslin gehandelt, der sein Quartett Casting for Gravity neuerdings für die Elektronik geöffnet hat.

Der in Frankfurt lebende Ambientmusiker J. Peter Schwalm remixt in seiner Band Endknall seine Soundscapes im Zusammenspiel mit Jazzsolisten wie dem Posaunisten Stefan Lottermann und dem Gitarristen Eivind Aarset. Für das Gegenmodell des klassischen Jazzensembles steht Bassist Dave Holland mit seinem neu besetzten Quartett Prism. Digitale Instrumente finden sich auch im New York Quartet von Tomasz Stanko nicht. „ProgRock 2.0“ ist das Schlagwort, das hr-Redakteur Peter Kemper mit Blick auf das junge britische Trio Troyka ausgibt: Loops treffen Jazzgitarre und Hammond-B3-Orgel.

Die hr-Bigband spielt Songs von Kraftwerk, den aus Düsseldorf stammenden Paten des Elektropops; die Arrangements schreibt der norwegische Dirigent Helge Sunde. In einem zweiten Vorhaben trifft der libanesisch-französische Trompeter Ibrahim Maalouf unter dem Titel „Wind Mystery“ auf das Orchester. Jim McNeely, der Chefdirigent, wird die Band leiten, er schreibt auch die Arrangements.

Das deutsche Jazzfestival, begründet 1953 von Horst Lippmann, steht in seinem sechzigsten Jahr. Die Festivalpässe sind früh ausverkauft gewesen, Einzelkarten für alle drei Abende sind noch zu haben.

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