Offen für neue Projekte

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Jim McNeely freut sich auf die weitere Zusammenarbeit mit der Bigband des Hessischen Rundfunks.

Frankfurt - Wer hat’s erfunden? In diesem Fall waren es ganz sicher nicht die Schweizer. Also könnte sich Jim McNeely, 1949 in Chicago geboren, seit 1975 in New York zu Hause, seit dieser Saison Chefdirigent der hr-Bigband, ans Revers heften: Die Bigband, das war unser Einfall. Von Detlef Kinsler

Ein Jazzensemble mit mehrfach besetzten Bläserstimmen, stilprägend in der Swingära der 20er Jahre. „Unzweifelhaft gibt es da eine lange Tradition und großartige Geschichte, die zurück reicht bis zu Fletcher Henderson“, erzählt der Musiker. „Als Jugendlicher mochte ich Duke Ellington schon ziemlich, aber Count Basie stach sie alle aus. Der hat mich einfach gepackt mit seinem Swing und seinem Groove. “ In den 60er und 70er Jahren kamen Oliver Nelson und Thad Jones als Favoriten dazu. Ein starkes Fundament für die eigene Arbeit.

Doch bevor er selbst Bigband-Leiter werden sollte, stand die Karriere als Pianist. McNeely spielte mit Größen des Jazz wie Chet Baker, Mel Lewis und Stan Getz. Aber die Arbeit als Arrangeur und Komponist nahm immer mehr Raum ein. Und erstaunlich für einen Mann mit viel Traditionsbewusstsein, der für kein Geld der Welt seinen Lebensmittelpunkt, den Big Apple aufgeben würde, tat er das vor allem in Europa.

So stand er auf den Gehaltslisten des Danish Radio Jazz Orchestra, des Stockholm Jazz Orchestra und der WDR Big Band. Und so war Köln lange seine erste Anlaufstation in Deutschland. „Klar, die USA waren Vorreiter, aber es gab nach dem Zweiten Weltkrieg auch eine wichtige Tradition in Europa, die der Radio Big Band“, erinnert McNeely. Das mag vielen Amerikaner verborgen geblieben sein, bis zum heutigen Tag. „Das Land ist so groß, und alles, was seine Bewohner im Sinn haben, ist auf sich selbst zu schauen: Was passiert bei uns? Die meisten wollen vom Rest der Welt gar nichts wissen.“

Anders die Kreativen. „Wir haben schnell gemerkt, dass es hier viel mehr Offenheit und künstlerische Freiheit gibt“, so McNeely. „Musiker wie Bob Brookmeyer und ich, die nicht nur arrangieren und Bands leiten, sondern auch eigene Musik schreiben, haben es in Europa leichter, neue Projekte zu realisieren. Dafür gibt es in Amerika keine finanzielle Unterstützung. Da wird die Tradition gepflegt.“

Kein Wunder also, dass sich McNeely inzwischen längst am Main heimisch fühlt. Die Silhouette der Stadt hilft. „In Köln gab es nur ein hohes Gebäude, den Dom. Frankfurt hat da ein ganz anderes Profil, das einer wirklich großen Stadt.“ Eine leichte Süffisanz ist dennoch nicht zu überhören, wenn er lächelnd bemerkt, dass sich Frankfurt gern Mainhattan nenne.

Großes hat er mit der hr-Bigband vor. Er kennt sie seit 2002, beim dritten gemeinsamen Projekt 2006 fühlte er „eine richtige Verbindung zwischen uns entstehen“, zwei Jahre später hätten die Musiker McNeely gern gleich als Nachfolger von Jörg Achim Keller behalten. Die Chemie stimmte, aber er wollte nicht ihr Chef werden. „Der Posten hätte ich eine Menge Zeit in Anspruch genommen, aber ich wollte die USA nicht verlassen“, erklärt er.

Also schuf das Bigband-Management den Artists in Residence. McNeely reiste für einzelne Projekte an und wuchs immer mehr mit der Band zusammen. So sehr, dass er 2011 nicht mehr nein sagen konnte. Zumal der Job mit drei festen Gastdirigenten an seiner Seite für ein Höchstmaß an künstlerischer und persönlicher Freiheit neu definiert wurde. „Ich bin wirklich glücklich, dass sie mich gefragt haben. Und irgendwie erschien es allen auch logisch“, betont McNeely.

Am Samstag, 15. Oktober, 20 Uhr, feiert er Frankfurt-Premiere mit der hr-Bigband in der Musikhochschule. Dort treffen sie auf den Saxofonisten Rudresh Mahanthappa und seine von indischer Musik geprägten Kompositionen, die „jazzorchestral“ zur Aufführung kommen. Eine Herausforderung ganz nach dem Geschmack von McNeely bei der Suche nach einer Bigband-Definition fürs 21. Jahrhundert...

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