„Der Golem“ im Capitol uraufgeführt

Sagengestalt musikalisch belebt

Offenbach - Wieder einmal hob die Neue Philharmonie ein Werk aus der Taufe. Die Uraufführung von Jens J. Troesters Musik zum Stummfilm „Der Golem, wie er in die Welt kam“ bescherte der Capitol Cinema Lounge ein ausverkauftes Haus. Von Eva Schumann 

Troesters Musik, im Auftrag der Neuen Philharmonie und der Europäischen Filmphilharmonie entstanden, begleitete die Aufführung des 1920 gedrehten Films, mit dem Paul Wegener seine Trilogie über die Sage des Prager Golems abschloss. Ein spannendes Erlebnis nicht nur für das Publikum, sondern auch für den Komponisten, war es doch sein Debüt in dieser Sparte. Für die Dramaturgie, die Gewichtung des zu Erzählenden und die Vermittlung der emotionalen Komponente, der Stimmungen, half ihm seine große Erfahrung als Dirigent von Opern. Und - um es vorwegzunehmen - diese Aufgabe ist ihm gelungen. Die Musik schwingt in großem Zusammenhang, Leitmotivik taucht vereinzelt auf, doch wird sie nicht überstrapaziert.

Als schwieriges Stilproblem erwiesen sich die verschiedenen Zeiten: hier die Handlung aus dem 16. Jahrhundert, dort der Film aus dem Jahr 1920 und schließlich das moderne Publikum, das andere Erfahrungen hat als damalige Hörer. Troester fand eine elegante Lösung, indem er sich mit spätromantischer Orchesterbesetzung an die gemäßigte Moderne hält und stilistische Anspielungen an Barock und jüdische Gesangstradition integriert, geschmackvoll, niemals trivial.

Ausdrucksvolle Soli

Dass Troester als ständiger Gastdirigent der Philharmonie das Orchester gut kennt, war ein großer Vorteil. Neben dem Farbenreichtum des Tutti hat er häufig die Holzbläser, besonders Oboe und Fagott, mit ausdrucksvollen Soli betraut. Die Geigen dürfen sich vielseitig profilieren, vom unheimlichen Tremolo über scharfe Synkopen bis zum sanglichen Erstrahlen. Auch das reich besetzte Schlagzeug und das fanfarenhafte Blech sind wichtige Stimmungsträger. Und die Philharmonie legte sich erfolgreich ins Zeug.

So fesselnd Troesters Musik in der Live-Darbietung war, so ist doch zugleich sein Anliegen geglückt, damit nicht in den Vordergrund zu treten, sondern das Filmerlebnis zu steigern. Gläserner Klang begleitet den Rabbi Löw, wie er bei der Beobachtung der Sterne eine Gefahr für das jüdische Ghetto entdeckt. Grandiose Steigerungen untermalen das aufgeregte Zusammenlaufen der Mitbewohner, die erfahren müssen, dass ein kaiserliches Dekret zur Vertreibung der Juden droht. Packend sind die Szenen, in denen der Rabbi sein Geschöpf aus Lehm wieder zum Leben erweckt.

So wirkt Musik auf unseren Körper

So wirkt Musik auf unseren Körper

Die Trauer über das Gefangensein, die das Gesicht des von Wegener dargestellten Golem bei den Nahaufnahmen verrät, hat Troester besonders gerührt, und er hat ihn liebevoll musikalisch ausgestattet. Anfangs kennzeichnet zarte, Spieluhr-artige Motivik den ungeschickten Automatismus des plumpen Geschöpfs. Später deutet das Grummeln der tiefen Instrumente seine Gefährlichkeit an. Aber auch innige Liebesmelodik ist ihm gegönnt, wenn er als ein fühlendes Wesen anerkannt wird.

Versöhnlich ist das Ende: Der Golem nimmt ein Kind auf den Arm, das nicht wie die anderen davongelaufen ist. Das Mädchen zieht ihm den Stern von der Brust, der ihn zum Leben erweckt hat, der Koloss fällt leblos zu Boden. Die Gefahr ist gebannt. Sichtlich bewegt nahm Troester anschließend die Beifallsstürme entgegen.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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