Offenbacher Klänge auf Ibiza

Offenbach - Ein monotoner Rhythmus ertönt aus zwei Boxen, auf den zwei Bildschirmen bewegen sich Balken und Skalen im Takt. Ein junger Mann sitzt vor den beiden Monitoren und jeder Menge anderer technischer Geräte: Mischpult, Drumcomputer, mehrere Synthesizer und zwei Keyboards. Von Niels Britsch

Scheinbar wahllos dreht er mal hier an einem Knopf, klickt dann wieder mit der Maus Menüs an, dann bedient er wieder einen der zahlreichen Regler und tippt kurz auf eine Keyboardtaste. Neue Klänge bereichern den monotonen Bass, jeder Handgriff ändert Echo, Melodie, Rhythmus, Lautstärke oder Schnelligkeit.

Neue Elemente kommen hinzu, andere verschwinden wieder – mit der Zeit entsteht ein Track, der beim Club-Publikum die Tanzreflexe auslösen würde.

„Studio“ nennt Ludwig Coenen liebevoll den kleinen Raum in einem Industriegebiet am Kaiserlei. In dem großen Gebäude haben sich zahlreiche Künstler und Musiker eingemietet, der 31-Jährige ist einer von ihnen.

Sogar Carl Cox wurde aufmerksam

Eines seiner Stücke ist kürzlich erst auf einer CD von Carl Cox – einem der erfolgreichsten Techno-DJs der Welt – für einen Club auf Ibiza veröffentlicht worden. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass derzeit tausende Feierwütige auf der Partyinsel zu den in Offenbach produzierten Klängen abgehen.

In den vergangenen Jahren hat Ludwig Coenen einige Tracks veröffentlicht, leben kann er allerdings davon nicht. Im Gegenteil: Für Studiomiete und die Ausrüstung zahlt er bei weitem mehr, als er mit seiner Musik einnimmt. „Wenigstens kann ich die Unkosten von der Steuer absetzen“, freut sich der Manager für Suchmaschinen-optimierung bei einem großen deutschen Telekommunikationsunternehmen.

Doch die Tantiemen sind auch gar nicht der Grund, warum es den Frankfurter in fast jeder freien Minute in sein Studio nach Offenbach verschlägt - er hat einfach Spaß am Musikmachen.

Nie ein Instrument gespielt

Dabei hat er nie selber ein Instrument gespielt und konnte zu Schulzeiten nichts mit dem Musikunterricht anfangen. Harmonielehre und Tonleitern interessierte ihn damals kaum: „Deswegen habe ich auch ein schwieriges Verhältnis zum Notenlesen“, bedauert er.

Doch er hat seinen eigenen Zugang zur Musik gefunden: „Melodie und Rhythmus entstehen intuitiv“, beschreibt er seine Herangehensweise – auch wenn er sich inzwischen doch ein wenig theoretisches musikalisches Wissen angeeignet hat und dem Keyboard den ein oder anderen Akkord entlocken kann. „Es ist meistens eine Stimmung, die man im Kopf hat, daraus entsteht dann eine Idee, die sich entwickelt.“

Ausschließlich elektronische Musik, hauptsächlich des Genres Tech-House produziert Ludwig, der diese Richtung als „Mischung aus Techno-Sounds und eher wärmeren, melodiösen House-Klängen“ beschreibt.

Hörproben und Informationen gibt es auch im Internet

Als er Ende der 90er im Radio eine Sendung mit Elektromusik im Radio hörte, ließ er sich die Playliste schicken, um sich die Musik als CD kaufen zu können. Da es die Stücke jedoch nur auf Platte gab, ging er ab jenem Zeitpunkt in den Plattenladen. „So habe ich irgendwann angefangen aufzulegen“, erzählt er. Mit einfachen Musikprogrammen mixte er damals schon Stücke zusammen und nahm diese auf Kassetten auf.

25 Tracks im Jahr 2009 veröffentlicht

In Dieburg studierte der 31-Jährige Online-Journalismus, während eines Praxis-Semesters arbeitete er bei der Berliner Musikzeitschrift „De:Bug“. Über Interviews mit professionellen Musikern knüpfte er dann Kontakte zur Szene und veröffentlichte erste Stücke bei kleineren Labels. 2009 brachte er rund 25  Tracks heraus.

„Es ist ärgerlich, dass man die Stücke meist mit der Veröffentlichung auch schon auf Internet-Seiten kostenlos herunterladen kann“, erzählt er. „Viele DJs machen deswegen nur noch Musik, um Auftritte zu bekommen und für sich zu werben. Die ganze Digitalisierung und Vernetzung macht zwar viel möglich, aber die Schattenseite ist, dass Musik nichts mehr wert ist. Deswegen möchte ich auch nicht davon leben müssen und abhängig von Veröffentlichungen sein.“

Einzige Motivation ist Spaß

Ludwig ist froh, dass die einzige Motivation für das Musikmachen der Spaß daran sein kann. „Allerdings ist es auch schon mehr als ein Hobby. Das größte Kompliment ist natürlich, wenn sich Leute die Stücke gerne anhören oder dazu tanzen“, sagt der Hobby-Musikproduzent, der auf Partys auch immer mal wieder selber auflegt – meist im Großraum Frankfurt, aber auch in Berlin und einmal gar in Moskau.

„Da ich sowieso kaum Geld damit verdiene, überlege ich mir, die Musik ins Netz zu stellen. Das ist besser, als wenn die Stücke auf der Festplatte verschimmeln oder auf irgendeinem russischen Blog angeboten werden.“

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