„Simple Minds“ in Hanau

Ohrensausen statt Glücksgefühl

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Die ganz große Begeisterung mochte sich beim Konzert von Simple Minds nicht einstellen – weil wenig Hits zu hören waren und die Musik eher dröhnte. Gute Stimmung kam trotzdem auf.

Hanau - Damit auch denjenigen, die es vielleicht noch nicht wissen, klar ist, was gleich kommt, gibt es vor dem Konzert eine offizielle Lautsprecherdurchsage: „Simple Minds spielen heute Abend jeweils fünf Stücke aus ihren ersten fünf Alben.“ Von Anke Steinfadt

Ein paar Pfiffe ertönen, aber die meisten im Publikum scheinen informiert zu sein. Es bedeutet, dass anstelle der Hits der 80er und 90er Jahre, als die Band zu den erfolgreichsten der Welt zählte, die musikalischen Anfänge von 1979 bis 1982 im Fokus stehen. Dementsprechend bleiben „Don’t You (Forget About Me)“ „Belfast Child“ und „Alive And Kicking“, die zur Erfolgsära ab 1985 gehören, außen vor.

Das Amphitheater in Hanau ist (vermutlich aus diesem Grund) trotz des großen Namens nicht ausverkauft. Aber dennoch gut gefüllt. Es steht sich locker und entspannt. Bis um kurz nach acht die Show beginnt. In extremer Lautstärke dröhnt die Band los. Der typische, von Keyboard und Gitarre getragene, New-Wave-Sound gerät zu einem breiig-lärmenden Sumpf, aus dem sich Jim Kerrs eigentlich prägnante Stimme nur selten deutlich herausschält.

Keine Hits und schlechte Soundqualität

Davon unberührt vollführt der Frontmann große Gesten. Er breitet die Arme aus, malt seltsame Gebilde in die Luft, wechselt im Zeitlupengang von einer Seite der Bühne zur anderen, erhebt die Hände in Richtung Zeltdach oder streckt den Mikrofonständer empor. Einstudierte und doch lässig wirkende Posen, die 80er-Jahre Atmosphäre verbreiten; ganz besonders, wenn zusätzlich Trockeneisnebel satt über die Bühne wabert.

Dann wieder gibt sich der 53-jährige Sänger betont jovial. Er winkt in die Menge, als hätte er gerade irgendwo ein paar alte Bekannte entdeckt und schüttelt Hände am Bühnenrand. Viel geklatscht wird auch. Kerr schmeißt sich dann die Mikrofonschnur wie einen Schal um den Hals, um die Hände exzessiv gegeneinander zu schlagen. Die Fans ziehen mit.

Die Stücke reihen sich aneinander, ohne sich maßgeblich voneinander zu unterscheiden. Sie sind weitgehend unbekannt, einige werden im Rahmen der Tournee zum ersten Mal live vorgetragen. Trotz fehlender Hits und schlechter Klangqualität gibt es reichlich Applaus. Der Sound vergangener Tage und die Attitüde der Band wecken Erinnerungen an alte Zeiten bei einem Publikum, das, ebenso wie die Musik der Schotten, in die Jahre gekommen ist. Außer Jim Kerr ist Gitarrist Charlie Burchill von Anfang an dabei.

Konsequentes, unbefriedigendes Marketingkonzept

Einen Höhepunkt des Abends bietet am Ende noch „Someone, Somewhere (In Summertime)“, das in seiner Intensität an die großen Meilensteine heranreicht, sowie das darauf folgende Instrumental „Theme For Great Cities“, das hingegen angenehm leicht und modern daherkommt.

Der Grund, den Fans die über Jahrzehnte geliebten Hits vorzuenthalten, liegt in einem Marketingplan begründet: Anfang des Jahres hat die Glasgower Band das Boxset „X5“ mit den ersten fünf Platten herausgebracht. Die „5X5-Tour“dient der weiteren Vermarktung. Trotz Ankündigung erscheint es am Ende doch überraschend, mit welch unumstößlicher Konsequenz das Konzept tatsächlich umgesetzt wird. Auf dem Weg nach Hause fehlt das Glücksgefühl, dafür sausen die Ohren erheblich.

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