Konzert mit Unterhaltungswert

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Bestens gelaunte Weltstars: Anna Netrebko, Dirigent Marco Armiliato und Erwin Schrott beim Schlussapplaus.

Wiesbaden - Sie gelten als Traumpaar der Klassik und sind auch privat liiert. Eine seltene Gelegenheit, die Sopranistin Anna Netrebko und den Bassbariton gemeinsam auf der Bühne zu erleben, bot sich beim Open-Air-Konzert auf dem Bowling Green vor dem Wiesbadener Kurhaus. Von Dirk Fellinghauer

Der Abend stand unter schlechten Vorzeichen, geriet für die Anwesenden aber unterm Strich zum Genuss.

Nur 6800 Tickets konnten für das Konzert verkauft werden. Weil der auf bis zu 12.500 Plätze ausgelegte Zuschauerraum kurzerhand verkleinert wurde, wirkte der Kurhausvorplatz trotzdem gut gefüllt. An Erklärungen für die vergleichsweise geringe Nachfrage mangelte es nicht: horrende Eintrittspreise von bis zu 350 Euro, das erste Deutschlandspiel bei der Fußball-EM und dann auch noch Putin-freundliche Statements des russischen Superstars waren wohl nicht gerade verkaufsfördernd. Selbst an Zaungästen, die bei ähnlichen Ereignissen zu Hunderten die angrenzenden Straßen und Plätze bevölkern und für Volksfeststimmung sorgen, mangelte es diesmal.

Weg zum Bowling Green

Wer den Weg zum Bowling Green gefunden hatte, erlebte vor eindrucksvoller Kulisse zwei bestens gelaunte Weltstars, die ein abwechslungsreiches und kurzweiliges Programm boten. Die tatsächlichen Qualitäten der weltweit gefeierten Opernsänger konnte man in dieser Dimension freilich nur erahnen, ist doch die Klangqualität nicht zu vergleichen mit der in einem Opernhaus, wo diese Art von Musik eigentlich hingehört. Jedes Faible für Feinheiten ist bei großen Klassik-Open-Airs fehl am Platze, es kann nur um grobe klangliche Eindrücke, möglichst gute Stimmung und das „Event“ an sich gehen. Und diesbezüglich boten Netrebko und Schrott, begleitet von der Neuen Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Marco Armiliato und den Stuttgarter Choristen, durchaus Bemerkenswertes.

Im ständigen Wechsel und vereinzelt gemeinsam trugen sie bekannte Werke etwa von Mozart („Don Giovanni“), Léhar („Die lustige Witwe“), Rossini („Die Italienerin in Algier“) oder Gounod („Faust“) sowie Gershwin („Porgy und Bess“) vor. Neben Vorhersehbarem gab es auch Überraschungen. So stellt der aus Uruguay stammende Erwin Schrott Tangomusik aus seiner südamerikanischen Heimat vor. Begleitet von Bandoneon und Klavier, erzeugte er Momente mit einer besonderen Atmosphäre. Seine Interpretation von „Oblivion“ von Astor Piazzolla geriet zu einem der intensivsten Momente des Abends, der knapp drei Stunden dauerte – abzüglich einer 40-minütigen Pause, die mehr als ausreichend Zeit bot, noch mehr Geld für ebenfalls überteuerte Speisen und Getränke loszuwerden.

Höhepunkt an Unterhaltungswert

Den Höhepunkt an Unterhaltungswert und Tuchfühlung mit dem Publikum brachte vor der Pause Donizettis „Liebestrank“. Schrott begab sich ins Publikum und „verkaufte“ eine Flasche Wodka an einen Konzertgänger. Netrebko begann ihren Part überraschend mitten in den Zuschauerreihen und fand durch diese auf hohen Absätzen den Weg über Kiesel und Wiese zu ihrem Partner – der Moment des Großeinsatzes für Digital- und Handy-Kameras. Im Laufe des Abends unterstrichen die Verlobten, die gemeinsam einen kleinen Sohn haben, sowohl auf als auch neben und hinter der Bühne kräftig turtelnd ihren Ruf als Traumpaar und legten zu Léhars „Lippen schweigen“ aus „Die lustige Witwe“ auch einen kräftig beklatschten Walzer aufs Parkett, bevor sie sich innig küssten.

Die Konzertbesucher überraschten die millionenschweren Turteltauben zur bejubelten Zugabe mit einer „Weltpremiere“, die Schrott mit den wenigen gesprochenen Worten des Abends als „neue Musik“ ankündigte: das Lied „Home“, das der schwedische Komponist Fredrik Kempe – Eurovision-Song-Contest-erprobter Wanderer zwischen Opern- und Popwelten – eigens für sie geschrieben hat. Der Schmachtfetzen mit großem Orchestereinsatz lieferte die Vorlage für ein großes Feuerwerk über dem Kurhaus, mit dem die strahlenden und ausdauernd ins Publikum winkenden Hauptpersonen des Konzerts in den Feierabend verabschiedet wurden. -

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