Heiligtum im Opern-Format

Offenbach - Rossinis Petite Messe solennelle ist ein Unikat. „Die letzte Todsünde meines Alters“, nannte Rossini selbst das Stück, das er 1863 geschrieben hat, ein Jahr vor seinem Tod. Von Stefan Michalzik

Das war 34 Jahre nachdem er sich nach der Uraufführung des „Guillaume Tell“ 1829 in Paris von der Geschäftigkeit des Opernbetriebs verabschiedet und fürderhin nur noch etwas Kammermusik und eine Reihe von geistlichen Werken komponiert hat.

Bloß „zwölf Männer der drei Geschlechter“ – gemeint waren damit Männer, Frauen und Kastraten – braucht es Rossinis Vorstellungen nach für die nur in dieser Hinsicht kleinen, mit anderthalb Stunden Dauer durchaus umfänglichen Messe. Auf einen kammermusikalischen Originalitätskult mochte man sich für die von Olaf Joksch geleitete Aufführung in der Offenbacher Kirche St. Paul dann lieber doch nicht einlassen: Mehr als achtzig Sänger standen auf dem Podium, mit Zweidrittelmehrheit für die Frauen; der Petit Chœur der benachbarten Französisch-Reformierten Kirche hatte sich mit den Rhein-Main-Vokalisten (einstudiert von Jürgen Blume) und der Evangelischen Kantorei Heusenstamm (Einstudierung: Dorothea Baumann) zusammengetan. Es gibt eine später entstandene Orchesterfassung, was die Begleitung anlangt, hielt man sich aber ans kammermusikalische Original mit nicht mehr als zwei Klavieren – Joksch selber und Elena Kotschergina – sowie dem Bajanspieler Anatoly Kotschergin als klanglich adäquater Ersatz für das eigentlich vorgeschriebene Harmonium.

„Meine heiligste Musik“, soll Rossini dem Kritiker Eduard Hanslick gegenüber gesagt haben, „ist doch immer nur semi-seria“. Tatsächlich sind viele der Melodien derart keck und beschwingt, dass man gerade einige der Arien der Solisten ebenso gut einer der Opern zuschreiben könnte. Unernst ist diese Messe indes keineswegs, zudem ist sie ist ein ausgesprochen reizvolles Werk – und wer sagt schließlich, dass Lust und Spiritualität einander ausschließen wie Feuer und Wasser?

Der kontrapunktische Chorsatz schließt an Palestrina an. Es steckt aber auch viel Romantik in dieser Musik. Gerade bei dem solopianistischen Prélude religieux l’Offertoire vor dem Sanctus ist Robert Schumann nicht weit.

Olaf Joksch ist ein Garant für eine äußerste musikalische Deutlichkeit und rhetorische Dringlichkeit. Der schattierungsreich differenziert klingende Chor ist bestens präpariert, das Solistenquartett um die Sopranistin Eva Lebherz-Valentin, Diana Schmid, Alt, den Tenor Reiner Geißdörfer und den Bass Wolfgang Weiß trägt die Arien durchweg lebhaft im Sinne der Klangrede vor. Eine vorzügliche Aufführung durch und durch.

Rubriklistenbild: © Albrecht E. Arnold/pixelio.de

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