Opulentes Gotteslob

Offenbach (zik) - Antonio Vivaldi war zwar geweihter Priester, die Messe konnte er freilich wegen einer Atemwegserkrankung nicht lesen. Mehr als 600 Konzerte und Sonaten hinterließ der über den Anwurf der barocken Massenware erhabene Vielschreiber.

Die Sakralwerke des Venezianers rückten nach Jahrhunderten der Vergessenheit erst 1926 im Zuge eines Fundes in Turin ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Olaf Joksch, nach Sitte der barocken Musizierpraxis vom Cembalo aus die Haus-Ensembles Petite Choeur und Concerto Piccolo dirigierend, hat bei der jüngsten Abendmusik in der Offenbacher Französisch-Reformierten Kirche um Vivaldis Psalmvertonung „Nisi Dominus“ einen großwerkartigen Zyklus aus Sonaten und Chorstücken gefügt. Wie viele seiner Werke ist dieses für eine Aufführung durch die musikbegabten Schüler am Ospedale della Pietà in Venedig geschrieben, dem Waisenhaus, an dem er seit 1703 zunächst als Violinlehrer gearbeitet und von 1716 an als „maestro dei concerti“ einen einträglichen Konzertbetrieb etabliert hat.

Vivaldi zeichnete sich durch einen sich in harmonischen Kühnheiten äußernden Erneuerungsgeist aus. In seiner künstlerischen Ambition begriff er, wie Händel, Oper und Kirchenmusik gleichermaßen als Musikdrama. Der im Programmheft zu findende Verweis, Reformator Johannes Calvin hätte an der barocken Opulenz der 150 Jahre später im festtrunkenen Venedig entstandenen Psalmvertonungen wohl keine Freude gehabt, dürfte zutreffen.

Joksch lotet klug die dynamischen Extreme aus. Die expressiven Momente in den schnellen Sätzen sind klar akzentuiert. Im Grundgestus freilich ist seine Interpretation weich und geschmeidig, ohne Betulichkeit. Altus Felix Uehlein erreicht in seiner nie übertrieben dramatisierenden Textausdeutung eine enorme Dichte der Darstellung. Das Spiel von Silke Volk, Solistin an der Viola d’amo re, kennzeichnet ein sprechender Gestus.

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