Partnersuche wie im Internet

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Im Bockenheimer Depot, einer ehemaligen Straßenbahnhalle, führt Katharina Thoma Singspiel-Regie.

Die Villa Anchise ist ein Holzgerüst. Eine Leine dient zum Trocknen von Kleidung. Doch die schmutzige Wäsche wird erst noch gewaschen in Wolfgang Amadeus Mozarts „Gärtnerin aus Liebe“. Von Klaus Ackermann

Regisseurin Katharina Thoma, ehemals Regieassistentin an der Oper Frankfurt, inszeniert diesen tiefgründigen Beziehungsreigen im Bockenheimer Depot.  Musikalisch leiten wird Kapellmeister Hartmut Keil. Premiere ist am Sonntag um 19.30 Uhr.

Don Anchise ist verliebt in die als Gärtnerin verkleidete Gräfin Violante, die ihren eifersüchtigen Geliebten sucht, der einen Mordanschlag auf sie verübte und mit der Nichte des Hausherrn verlobt ist, die unerwartet ihren ehemaligen Liebhaber trifft. Dazu ein heftig flirtendes Dienerpaar: An gefühlsmäßigen Irrungen und Wirrungen mangelt es im frühen Singspiel nicht, dessen Charakterzeichnung auf spätere Opern hinweist.

Auch Absurdes hat Thoma im Stück über die Abgründe der Liebe entdeckt, dessen Regie sie von Tilmann Knabe übernahm, nachdem es zwischen ihm und Intendant Bernd Loebe Differenzen gab. Lediglich von der Idee her spiele das Stück in der Gegenwart, sagt Thoma, die Reibungspunkte der drei Paare aufzeigen will, welche eine Beziehung eingehen. Das Depot sei kein kühles Labor, eher eine Versuchslandschaft, die Villa ein Refugium, in dem auf verschiedenen Ebenen die Empfindungen überprüft werden könnten. Thoma erkennt eine Partnersuche wie im Internet: Da spielten auch Bankkonto und äußere Attribute eine Rolle. Schließlich gehe es um den Wert einer gewachsenen Beziehung.

Die junge Regisseurin sieht ein surreales Potenzial, das sie ausschöpfen will; lässt sie sich doch gern von Bildern inspirieren. Vor allem vom Surrealisten René Magritte, der die Sehgewohnheiten erschütterte, indem er Wirklichkeit und Traum mischte.

Und von Mozarts Klang – Thoma hat ein Musikstudium abgeschlossen. In Lübeck, wo sie als Korrepetitorin, als Klavierbegleiterin der Gesangsklassen, ihre berufliche Initialzündung erlebte. Regie-Praktika führten die gebürtige Landsbergerin nach Darmstadt, Innsbruck und Frankfurt, wo sie etlichen Meistern zur Seite stand. Erklärtes Vorbild ist Richard Jones, der 2007 Benjamin Brittens Oper „Billy Budd“ herausbrachte. Ihr Regiedebüt gab Thoma mit Darius Milhauds „Le pauvre Matelot“ in Kassel.

Beim Europäischen Opernregie-Preis hat Thoma Platz zwei belegt, der zum Engagement in Malmö führte, wo sie mit „Vanessa“ von Samuel Barber international auf sich aufmerksam machte. Die von ihr mit Deborah Einspieler für Frankfurt erarbeitete „Schreifütz“-Inszenierung, die Carl Maria von Webers „Freischütz“ kindgerecht umwidmet, war in Salzburg zu erleben. Denn die lieben Kleinen haben es der Wahl-Münchnerin angetan. „Kinder sind die schärfsten Kritiker“, weiß Thoma, die auch Szenischen Unterricht an der Musikhochschule Mainz gibt.

Der Musik des 20. Jahrhunderts steht die Regisseurin nahe. So ist es ihr Wunsch, einmal Schostakowitschs „Lady Macbeth vom Mzensk“ in Szene zu setzen. Auf die Frage, ob es ein Leben neben der Arbeit gebe, antwortet Thoma: „Zur Zeit nicht!“ Kein Wunder, so kurz vor der Premiere.

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