Blomstedt und Bamberger mit Tschaikowsky beim Rheingau Musik Festival

Passion im ganz großen Format

Es bedarf eines erfahrenen Maestros, um der viel gespielten Pathétique von Tschaikowsky zu klanglicher Frische zu verhelfen. Wie Altmeister Herbert Blomstedt, der mit den Bamberger Symphonikern der tragisch düsteren Stimmung dieser sechsten und letzten Sinfonie des russischen Romantikers beängstigend nahe kommt.

Partiell in seelische Abgründe geleitet auch Mozarts Klavierkonzert c-Moll, das der Pole Piotr Anderszewski druckvoll erkundet, erstmals Gast beim Rheingau Musik Festival und im ausverkauften Wiesbadener Kurhaus beifällig aufgenommen.

Zweimal Moll, mit Dur-Auflichtungen mittendrin, aber ohne Happyend: Dicht an Mozarts abrupt wechselnden seelischen Befindlichkeiten taucht der junge Pianist im c-Moll-Konzert in dunkle Don-Giovanni-Sphären ein. Eine akribische Spurensuche, die individuellen gestalterischen Gestus nicht ausschließt. Erkennbar im intensiv nachempfundenen Melos und den eigens erfundenen Kadenzen, in denen Ander szewski bei aller Vielfalt des Anschlags auch den virtuosen Dampfhammer einsetzt.

Gleichermaßen beeindruckt, wie der Pianist – offenbar im Geist mitdirigierend – die innere Balance hält, ob Vorspieler oder Begleiter des klanglich geschmeidigen Orchesters, dessen Holzbläser und Hörner etwa die Romanze im schönsten Dur mit einer Art „Harmoniemusik“ milde abfedern. Bis zum Streichquartett reduziert, herrscht bei den Symphonikern kammermusikalische Klarheit – auch ohne die allenfalls am Rande genutzten Errungenschaften der historischen Klangforschung. Den Bambergern und ihrem legendären Maestro genügt ihre hohe Kompetenz in Sachen Romantik, die sie nachhaltig ausspielen können, nachdem Anderszewski noch einmal seinen hohen Solisten-Rang in einer wie improvisatorisch dargebotenen Volksliedbearbeitung Bela Bartoks bestätigt hat.

Nach konzertanter Mozart-Fantasie die Tschaikowsky-Passion, wahrlich leidenschaftlich, aber auch mit choralartiger Andacht betrieben. Ungemein frischen Durchzug und klangliche Intensität erreicht Blomstedt, indem er Tschaikowskys dynamische Vorgaben in der an Schmerzenstönen reichen Leidensgeschichte rigoros umsetzt. Da wechselt im Eingangssatz, der in Tieftöner-Schwärze beginnt und in Choral-Andacht endet, ein vierfaches Fortissimo binnen kurzem in ein Piano. Das Allegro con grazia im sperrigen Fünfvierteltakt mit dem Gesang der Violoncelli in hellem Dur wirkt wie ein schöner Traum. Allenfalls beim russischen Geschwindmarsch, kontrastiert von fernöstlich anmutenden Flötentönen, die in ein Blechbläser-Inferno münden, lockert Blomstedt die Bremsen.

Doch alle Höhen und Tiefen dieses Lamentos – mal schneidend laut, mal an der Geräuschgrenze – bannt eine zwingend bogenförmige Dramaturgie. Und wenn am Ende der sinfonischen Leidensstrecke das Herz aufhört zu schlagen, herrscht erstmal andächtige Stille. Ein Tschaikowsky, der im Innersten verborgene Saiten mitschwingen lässt. Aber auch Vermächtnis eines uneitel dirigierenden großen alten Mannes ... KLAUS ACKERMANN

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