Passion der tiefen Eindrücke

Offenbach - Viele Jahre hat es gedauert, Bachs Johannes-Passion wieder in Offenbach zu realisieren. Initiator Tobias Koriath orientierte sich an Bachs Uraufführung zu Karfreitag 1724 in der Leipziger Nicolaikirche und holte dazu das Barockorchester Armonia dell´Arcadia Bamberg. Von Reinhold Gries

Für Arien und Rezitative verpflichtete er sechs Solisten, Bach hatte nur vier zur Verfügung. Großartig in der Lutherkirche die Offenbacher Kantorei: Da überzeugte vor vollem Haus nicht nur das vokal-instrumentale Gebäude des magischen Eingangschors mit dreifachem „Herr“. Wunderschöne Choräle wie „O große Lieb“ und „In meines Herzens Grunde“ wechselten mit expressiven Attacken wie im „Kreuzige, kreuzige“ oder rhythmischen Einsätzen wie beim „Jesum von Nazareth“.

Herzstück war der Choral „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, ist uns die Freiheit kommen“. Kein vertracktes Fugato hinderte die Kantorei daran, ihre musikrhetorisch geschulte Kunst der Affekte zu entfalten: temporeich brodelnd in „Eilt, ihr angefochtenen Seelen“, fast tänzerisch im „Lasset uns den nicht zerteilen“, ruhig und erlöst im finalen Chorus „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“.

Im Lauf der fünf Akte wuchsen Chor und Barockorchester zur Einheit. Die Continuo-Gruppe um Organist Florian Reuthner, Michelle Wunderlich (Violone), Elisabeth Mergner (Fagott) und Gero Parmentier (Erzlaute) baute klare Strukturen und satte Fundamente. Davon profitierten Martina Fiedlers pastorale Läufe auf der Traversflöte und Renate Mundis dunkelfarbenes Gamben-Melos. Nach anfänglichen Abstimmungsproblemen gefiel auch Ludwig und Hiltrud Hampes feiner Viola-Silberton und Lola Souliers markante Oboe da Caccia.

Tenor Sebastian Kohlhepp als Evangelist wurde wie die Kantorei mit Beifall überschüttet. Wie seine leuchtende Stimme und perfekte Singrhetorik lange Rezitative in Spannung hielt, ariose Koloraturen einstreuend, war außerordentlich. Dabei waren die eigentlichen Tenorarien, „Ach, mein Sinn“ und „Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken“, für Florian Feth reserviert. Neben dem hochveranlagten Tenor-Duo wirkten Christina Beckmanns Sopran-Arien „Ich folge dir“ und „Zerfließe, mein Herze“ etwas schmal, Countertenor Michael Liebs „Es ist vollbracht“ schwankte zerbrechlich zwischen Alt- und Sopranlage. Stimmgewaltiger agierte Bassbariton Richard Logiewa als Jesus, von Joachim Höchbauers Pilatus-Bassregister kaum zu unterscheiden. Da hätten klare Programmhinweise weitergeholfen. Doch das konnte den tiefen Eindruck nicht trüben, den Kantorei und Evangelist Kohlhepp hinterließen.

Rubriklistenbild: © Martina Taylor

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