Reizvoller Orchester-Spuk

Frankfurt - Die St. Petersburger Philharmoniker scheinen Kontinuität zu schätzen. Seit 1988 ist Yuri Temirkanow Chefdirigent des Traditionsorchesters. Und hat damit noch nicht einmal die Hälfte der Amtszeit seines legendären Vorgängers erreicht. Von Axel Zibulski

Jewgeni Mrawinsky leitete ein halbes Jahrhundert lang, von 1938 bis 1988, die Geschicke des Orchesters im damaligen Leningrad und war Uraufführungs-Dirigent mehrerer Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch.

Das zweitägige Gastspiel des Orchesters im Großen Saal der Alten Oper bot nun ausschließlich Werke des romantischen Repertoires, am ersten Abend das Violinkonzert von Jean Sibelius mit der Geigerin Julia Fischer, außerdem Antonín Dvoráks neunte Sinfonie „Aus der neuen Welt“. Auch einen reizvollen Gruß aus seiner Heimat hatte das Orchester mitgebracht: Die knappe sinfonische Dichtung „Kikimora“ des 1855 geborenen St. Petersburger Komponisten Anatoli Ljadow eröffnete das Gastspiel. Dieses Porträt eines im russischen Volksglauben verbreiteten Poltergeistes ist ein reizvoller Orchester-Spuk, mit Xylophon-Klirren und gespenstischen Bläser-Einwürfen. Die Philharmoniker und Dirigent Yuri Temirkanow setzten das konzise Stück eingangs wunderbar farbkräftig und gespenstisch-leicht hingetupft in Szene.

Beifall bereits zwischen den Sätzen

Kontinuität bedeutet bei den St. Petersburgern keineswegs nur gesetzte Routine. Die Aufführung des Violinkonzerts d-Moll op. 47 von Jean Sibelius begleiteten sie vital, perfekt durchhörbar und häufig ein wenig flirrend-fiebrig. Geigerin Julia Fischer, in der Alten Oper längst ein gern gehörter Stammgast, bewies einmal mehr ihre technische und musikalische Souveränität. Klar leuchtend und in diesem Werk treffend kühl klang ihre makellos reine Tongebung. Ganz ohne Mühe spielte sie die kniffligen Flageolett-Gänge des Finales, leicht und wendig klangen die zahlreichen Doppelgriff-Passagen, die sich in ihrer Zugabe, der 13. Solo-Caprice von Nicolò Paganini, fortsetzten.

Yuri Temirkanow und die St. Petersburger Philharmoniker entfalteten Antonín Dvoráks Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95 schließlich eine Spur voluminöser und im langsamen zweiten Satz auch elegischer, als man das oft gespielte Werk ohnehin im Ohr haben mag. Beifall hatte es vereinzelt, leider, bereits zwischen den Sätzen gegeben; am Ende war er zu Recht groß. Als Orchester-Zugaben folgten eine Bearbeitung von Edward Elgars „Salut d’amour“ sowie ein Satz aus Igor Strawinskys „Pulcinella“.

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