Grigory Sokolov in der Alten Oper

Kontrolliertes Tasten-Toben

Frankfurt - Der Mann ist wieder einmal Aufreger der Saison. Wenn Grigory Sokolov leicht nach vorn gebeugt vor dem großen Konzertflügel Platz nimmt, lässt sich seine innere Spannkraft nicht einmal erahnen. Von Klaus Ackermann

Doch schon nach den ersten Takten des Schubert-Impromptu zieht ein Pianist in Bann, der über magische Fähigkeiten zu verfügen scheint. Vor allem bei Beethovens großem Vermächtnis, der Sonate für das Hammerklavier, entwickelt der Russe ein derart kontrolliertes Toben an Tasten, dass man spontan beschließt, dieselben nie mehr anzurühren.

Die Wiener Klassik hat es Sokolov angetan, gern durchstreift er auch romantische Gefilde. Schuberts „Vier Impromptus“ für Klavier mit ihren reizvollen Lied-Themen, bei dem c-Moll-Opus von lastenden Triolengängen unterlegt, baut er zur Fantasie aus. Im 2. Impromptu (Es-Dur) entdeckt der Leningrader Weltstar eine schwerblütige, slawisch anmutende Valse, das Ges-Dur-Andante ist urromantischer Gesang, das As-Dur-Allegretto, mit seinen gebrochenen Akkorden wohl am bekanntesten, drängt dynamisch kontrastreich – fortissimo – aus dem stillen Kämmerlein in den Saal.

Ungebrochene Pianierlust

Die „Drei Klavierstücke“ aus Schuberts Todesjahr 1828 bezeugen bei Sokolov ungebrochene Pianierlust. Virtuos und keineswegs zimperlich ist der Einstieg, ehe die berühmte „Blaue Blume“ wieder eine Blütezeit erlebt. Vor allem die dramatischen Übergänge zum nächsten poetischen Gedanken haben es in sich. Glutvoll das Es-Dur-Allegretto mit seinem sperrig wirkenden Mittelteil und den brummelnden Begleit-Akkorden. Im strahlenden C-Dur dann die Nummer 3, mittendrin ein paar dunkle Momente, von Sokolov gedankenvoll artikuliert, der final mächtig aufdreht.

„Hier ist Gott, hier ruhe ihm zu dienen“, hat Beethoven in sein Skizzenbuch seiner Klaviersonate B-Dur op. 106 geschrieben. Doch vor allem die Härten, aber auch die Freuden des Lebens bestimmen das eine Konzerthälfte locker füllende Werk, in Nachbarschaft der ebenso aufwändigen 9. Sinfonie komponiert. Weit über den Tellerrand hinaus blickt der Titan hier. Es bedarf schon großer Kraft, variabler Anschlagskunst, mentaler Stärke und Liebe zum Detail, um Beethovens Ansprüchen zu genügen. So trocken, ohne faulen Zauber zelebriert, wie dies der Russe vermag, weist es mit seinen vielen extravaganten harmonischen Umdeutungen schon ins 20. Jahrhundert.

Zwiesprache mit dem Klavier

Wie auf dem Sprung wirkt Sokolov bereits beim Eingangsthema, das eine Sonate bestimmt, die auch den großen Konzertflügel fordert, in irrwitzigen Tempi erkundet. Allein die zügigen Tonrepetitionen des gespenstisch vorüberhuschenden Scherzos haben es in sich. Das Adagio ist eine zwanzig Minuten dauernde Zwiesprache mit dem Klavier, vom Tastenzar wie gedankenverloren gespielt. Mit der für Beethoven so typischen Wendung nach Dur, bei Sokolov nahezu zärtlich vollzogen.

Dann hat die Erde den Entrückten wieder. In einer schier unendlichen Fuge, hammerhart bis samtweich und ungemein agil vom Pianisten absolviert, der keine Schwächen kennt. Von seinen vielen Fans stürmisch gefordert folgt nach nervenzehrendem Beethoven noch Zugabe auf Zugabe, behutsam Prallgetrillertes aus der D-Dur-Suite von Rameau. Nach dem 5. Satz sind wir gegangen …

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